Mittwoch, 5. März 2014

Omnibusgeschichten

Seit ich zur Schule gehe, ist der öffentliche Nahverkehr mein steter Begleiter. Ich bin ihn also gewöhnt und dennoch überrascht er mich immer wieder wegen der vielen kleinen Momente, in denen es mir wie der Schmelztiegel, die konzentrierte Form der großen Welt im kleinen vorkommt. Man könnte meinen, es sei die unpersönlichste Sache der Welt, jeder sei nur auf dem Weg zur nächsten Haltestelle und zu seinem Ziel, doch das stimmt nicht. Wer sich die Zeit nimmt, der kann sich auf den Weg freuen. Es sind diese Momente für die ich das Reisen schätze, da spielt die Aussicht, an sein Ziel zu gelangen, nur eine untergeordnete Rolle. Hier sind ein paar Geschichten, die mir so klar im Gedächtnis geblieben sind, dass ich sie aufschreiben musste.

Wie zerrupft sieht es aus. Blau auf weiß. Oder vielmehr weiß auf blau. Oder wie eine Straße, auf der der Schnee, von dem wir so wenig hatten, in lockerem Sande liegt. Oder wie das dünner werdende Fell eines weißen Tiers, nur passt die Wirbelsäule dort nicht hinein. Oder war es doch ein halber Reißverschluss? Und dort die Gischt, wo kommt die her? Quer darüber liegen die Streifen, die aussehen als gäbe es den Schlitten des Weihnachtsmannes wirklich und er hätte da seine Spuren hinterlassen. Und alles in einem so klaren Licht, das man meinen mag, es wäre eine ganz andere Zeit.

Dann kommt der Bus, hinein in die stickige Wärme, irgendwo bricht für ein kleines Kind die Welt zusammen, wenigstens der Lautstärke des Wehklagens nach zu urteilen. Ob es grad erfahren hat, dass das da eben nicht des Weihnachtsmannes Schlittenspur, sondern bloß das Überbleibsel irgendwelcher Flugzeugtriebwerke war? Während ich noch darüber nachsinne, wann es eigentlich gerechtfertigt ist, den Weihnachtsmann als Illusion zu denunzieren und ob es überhaupt in Ordnung ist, dem Nachwuchs erst einen solchen Floh ins Ohr oder eigentlich ins Herz zu setzen, nur um ihn dann nach ein paar Jahren unter Schmerzen operativ entfernen zu müssen, hat eine ältere Dame, nachdem sie soeben Fahrkartenautomat und Stempelanlage bezwungen hat, sich mit mitleidsvollem Blick dem kleinen Jungen zugewandt: „Oh, was ist Dir denn passiert?“, die Frage ist an den Jungen gerichtet, doch Tonfall und Blickrichtung zeigen eindeutig auf die Mutter als Adressatin, die gerade wieder beschwichtigend auf ihren Sprößling einredet. Im Blick der Mutter spiegelt sich eine Mischung aus Entschuldigung und Ratlosigkeit.

Und dann plötzlich das: „Was? Ach, hallo Schatz!“, der junge Mann hält das obligatorische Kommunikationsutensil zunächst noch eine Weile ans Ohr, dann plötzlich mit ungläubigem Blick von sich gestreckt, als könne er nicht glauben, was er da gerade gehört hat und müsse das dem anderen Ende der Telefonverbindung durch eine Grimasse verdeutlichen. Dann, als erinnere er sich schlagartig daran, dass er es hier mit einer auditiven, und nicht mit einer visuellen Verbindung zu tun hat, hält er es wieder an sein Ohr: „Hallo? Was? Ich kann Dich nicht hören!“ Sein Gegenüber scheint darüber großzügig hinwegsehen zu können, denn wieder spricht der Herr: „Ich hör Dich ganz schlecht. Was?“ Noch ein ungläubiger Blick und entgleiste Mimik in Richtung des Geräts. Wieder ans Ohr: „HÄÄÄ? Ich leg' gleich auf. Ich versteh Dich nicht.“ Entweder ist die Leitung in die andere Richtung genauso schlecht, oder am anderen Ende lauscht jemand, ohne zuzuhören. „Hallo, nein, ich hör' Dich immer noch nicht. Ich leg' jetzt auf.“ Ein neuer Blick, in dem sich nun die Ungläubigkeit mit einer gewissen Frustration mischt. Trotzdem kommt das Nächste unerwartet und ein wenig drastisch vor: „Scheiße, ich leg' jetzt auf, bist Du blöd?“ Auf den oben schon erwähnten Blick zum Apparat folgt ein befriedigt erscheinender Druck auf die offensichtlich berührungsempfindliche Oberfläche desselben. Es stellt sich mir die Frage, ob in diesem Fall das Gerät zum ersten Mal auf das „smart“ mehr Anspruch erheben darf, als sein Besitzer.
Der hat nach einem prüfenden Blick in die Runde, anscheinend beschämt, festgestellt, dass seine lautstarke Konversation ihn zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses hat werden lassen, und so versucht er, schnell den Ort des Geschehens zu verlassen.

Der Abschied.
Ein Trauerspiel in einem Aufzug.
An der Tür spielt sich derweil eine kleine Tragödie ab: Tochter, vielleicht 2 oder 3 Jahre alt und Papa sitzen schon fast, als dem kleinen Mädchen auffällt, dass Mama nicht mit eingestiegen ist. Die steht draußen vor der Tür und winkt lächelnd. Doch die Kleine will das nicht. Schnell ist sie wieder aufgesprungen und zur Tür gelaufen. „Mama, komm, wir fahren gleich.“ Mama schüttelt den Kopf und kniet sich vor ihre Tochter: „Nein, Papa und Du fahren. Ich komme erst später nach Hause.“ „Aber ich will nicht.“, über die Wangen des Mädchens kullern plötzlich Tränen. „Mama, komm mit.“ „Ich kann nicht, Schatz.“ Da hebt es ein fürchterliches Weinen an und das Mädchen streckt von tiefem Schmerz ergriffen die Arme nach der Mutter aus. Die umarmt sie und drückt sie fest an sich. Einige Momente stehen sie so umschlungen. Dann geht die Tochter langsam mit gesenktem Kopf an ihren Platz zurück. Kurz bevor der Vater ihr tröstend über das Haar streichen kann, dreht sie noch einmal schnell um und läuft wieder zur Mutter, die noch immer am Eingang kniet, und drückt ihr einen Kuss auf die Lippen. Dann reißt sie sich von der Mutter los und geht zu ihrem Sitzplatz und schmiegt sich an den Vater.

Wer ist hier der Chef(koch)?
Ein Lustspiel in einem Aufzug.
Rotwein-Guy: (zeigt eine selbstzufriedene Miene) „Und dann würde ich sagen, da Du ja Rotwein besorgt hast, tun wir davon auch 'was rein.“
Hackfleisch-Rechner: (schaut ihn ungläubig an) „Bist Du verrückt? In Bolognese gehört doch kein Rotwein!“
Rotwein-Guy: (hat den Tonfall des Gourmets angenommen) „Sicher, wenn man welchen zur Hand hat. Das gibt dem Ganzen noch den richtigen Kick.“
Hackfleisch-Rechner: (sein Tonfall hat dafür nur Verachtung übrig) „Du bist vollkommen verrückt, man tut in Tomatensoße niemals Rotwein.“
Rotwein-Guy: (man hört den erhobenen Zeigefinger aus jeder Silbe) „Wir reden hier ja auch von Bolognese.“
Hackfleisch-Rechner: (versucht es mit ein wenig Alltagsmathematik) „Ja, aber trotzdem, rechne mal das Hackfleisch raus, was bleibt dann?“
Rotwein-Guy: (triumphierend) „Ja wenn wir erst anfangen, das Hackfleisch rauszurechnen, können wir uns ja die Bolognese gleich sparen.“
Hackfleisch-Rechner: (herausfordernd) „Ich wette mit Dir, dass außer Dir sowas niemand tut, ich guck das nach.“
Rotwein-Guy: „Chefkoch?“
Hackfleisch-Rechner:„Ja.“
Rotwein-Guy: „Okay, sagen wir auf der ersten Seite sind mindestens drei Rezepte?“
Hackfleisch-Rechner: „Angenommen.“
(Sie schlagen ein.)
Rotwein-Guy: (Nach kurzer Pause) „Ich bin sowieso der einzige, der hier richtig was tut.“
Hackfleisch-Rechner: „Wieso?“
Rotwein-Guy: „Ich hab viel mehr Hackfleisch im Gepäck als Du.“
Hackfleisch-Rechner: (zeigt ihm einen Vogel) „Ach, Du spinnst doch!“

Hier ist meine Haltestelle und ich steige aus, in dem Wissen, dass morgen wieder eine Geschichte auf mich wartet.

P.S.: Die Überschrift ist für Altphilologen.

1 Kommentar:

kroko_dok hat gesagt…

Besser kann man's nicht erleben.