Sonntag, 25. Mai 2014

Die Idee

Sie ist nicht da, darum ringe ich.
Sie fehlt hier, also suche ich.
Sie ist da, das weiß ich.

Sie spricht, ich lausche.
Sie scheint auf, ich sonne mich.
Sie geht, ich seufze.

 Ich warte auf sie, worauf wartet sie?
Ich träume von ihr, wovon träumt sie?
Ich denke an sie, woran denkt sie?


So weit voneinander entfernt sind wir, wir sind uns doch so nah.
Eines Tages spreche ich sie aus.

Mittwoch, 5. März 2014

Omnibusgeschichten

Seit ich zur Schule gehe, ist der öffentliche Nahverkehr mein steter Begleiter. Ich bin ihn also gewöhnt und dennoch überrascht er mich immer wieder wegen der vielen kleinen Momente, in denen es mir wie der Schmelztiegel, die konzentrierte Form der großen Welt im kleinen vorkommt. Man könnte meinen, es sei die unpersönlichste Sache der Welt, jeder sei nur auf dem Weg zur nächsten Haltestelle und zu seinem Ziel, doch das stimmt nicht. Wer sich die Zeit nimmt, der kann sich auf den Weg freuen. Es sind diese Momente für die ich das Reisen schätze, da spielt die Aussicht, an sein Ziel zu gelangen, nur eine untergeordnete Rolle. Hier sind ein paar Geschichten, die mir so klar im Gedächtnis geblieben sind, dass ich sie aufschreiben musste.

Wie zerrupft sieht es aus. Blau auf weiß. Oder vielmehr weiß auf blau. Oder wie eine Straße, auf der der Schnee, von dem wir so wenig hatten, in lockerem Sande liegt. Oder wie das dünner werdende Fell eines weißen Tiers, nur passt die Wirbelsäule dort nicht hinein. Oder war es doch ein halber Reißverschluss? Und dort die Gischt, wo kommt die her? Quer darüber liegen die Streifen, die aussehen als gäbe es den Schlitten des Weihnachtsmannes wirklich und er hätte da seine Spuren hinterlassen. Und alles in einem so klaren Licht, das man meinen mag, es wäre eine ganz andere Zeit.

Dann kommt der Bus, hinein in die stickige Wärme, irgendwo bricht für ein kleines Kind die Welt zusammen, wenigstens der Lautstärke des Wehklagens nach zu urteilen. Ob es grad erfahren hat, dass das da eben nicht des Weihnachtsmannes Schlittenspur, sondern bloß das Überbleibsel irgendwelcher Flugzeugtriebwerke war? Während ich noch darüber nachsinne, wann es eigentlich gerechtfertigt ist, den Weihnachtsmann als Illusion zu denunzieren und ob es überhaupt in Ordnung ist, dem Nachwuchs erst einen solchen Floh ins Ohr oder eigentlich ins Herz zu setzen, nur um ihn dann nach ein paar Jahren unter Schmerzen operativ entfernen zu müssen, hat eine ältere Dame, nachdem sie soeben Fahrkartenautomat und Stempelanlage bezwungen hat, sich mit mitleidsvollem Blick dem kleinen Jungen zugewandt: „Oh, was ist Dir denn passiert?“, die Frage ist an den Jungen gerichtet, doch Tonfall und Blickrichtung zeigen eindeutig auf die Mutter als Adressatin, die gerade wieder beschwichtigend auf ihren Sprößling einredet. Im Blick der Mutter spiegelt sich eine Mischung aus Entschuldigung und Ratlosigkeit.

Und dann plötzlich das: „Was? Ach, hallo Schatz!“, der junge Mann hält das obligatorische Kommunikationsutensil zunächst noch eine Weile ans Ohr, dann plötzlich mit ungläubigem Blick von sich gestreckt, als könne er nicht glauben, was er da gerade gehört hat und müsse das dem anderen Ende der Telefonverbindung durch eine Grimasse verdeutlichen. Dann, als erinnere er sich schlagartig daran, dass er es hier mit einer auditiven, und nicht mit einer visuellen Verbindung zu tun hat, hält er es wieder an sein Ohr: „Hallo? Was? Ich kann Dich nicht hören!“ Sein Gegenüber scheint darüber großzügig hinwegsehen zu können, denn wieder spricht der Herr: „Ich hör Dich ganz schlecht. Was?“ Noch ein ungläubiger Blick und entgleiste Mimik in Richtung des Geräts. Wieder ans Ohr: „HÄÄÄ? Ich leg' gleich auf. Ich versteh Dich nicht.“ Entweder ist die Leitung in die andere Richtung genauso schlecht, oder am anderen Ende lauscht jemand, ohne zuzuhören. „Hallo, nein, ich hör' Dich immer noch nicht. Ich leg' jetzt auf.“ Ein neuer Blick, in dem sich nun die Ungläubigkeit mit einer gewissen Frustration mischt. Trotzdem kommt das Nächste unerwartet und ein wenig drastisch vor: „Scheiße, ich leg' jetzt auf, bist Du blöd?“ Auf den oben schon erwähnten Blick zum Apparat folgt ein befriedigt erscheinender Druck auf die offensichtlich berührungsempfindliche Oberfläche desselben. Es stellt sich mir die Frage, ob in diesem Fall das Gerät zum ersten Mal auf das „smart“ mehr Anspruch erheben darf, als sein Besitzer.
Der hat nach einem prüfenden Blick in die Runde, anscheinend beschämt, festgestellt, dass seine lautstarke Konversation ihn zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses hat werden lassen, und so versucht er, schnell den Ort des Geschehens zu verlassen.

Der Abschied.
Ein Trauerspiel in einem Aufzug.
An der Tür spielt sich derweil eine kleine Tragödie ab: Tochter, vielleicht 2 oder 3 Jahre alt und Papa sitzen schon fast, als dem kleinen Mädchen auffällt, dass Mama nicht mit eingestiegen ist. Die steht draußen vor der Tür und winkt lächelnd. Doch die Kleine will das nicht. Schnell ist sie wieder aufgesprungen und zur Tür gelaufen. „Mama, komm, wir fahren gleich.“ Mama schüttelt den Kopf und kniet sich vor ihre Tochter: „Nein, Papa und Du fahren. Ich komme erst später nach Hause.“ „Aber ich will nicht.“, über die Wangen des Mädchens kullern plötzlich Tränen. „Mama, komm mit.“ „Ich kann nicht, Schatz.“ Da hebt es ein fürchterliches Weinen an und das Mädchen streckt von tiefem Schmerz ergriffen die Arme nach der Mutter aus. Die umarmt sie und drückt sie fest an sich. Einige Momente stehen sie so umschlungen. Dann geht die Tochter langsam mit gesenktem Kopf an ihren Platz zurück. Kurz bevor der Vater ihr tröstend über das Haar streichen kann, dreht sie noch einmal schnell um und läuft wieder zur Mutter, die noch immer am Eingang kniet, und drückt ihr einen Kuss auf die Lippen. Dann reißt sie sich von der Mutter los und geht zu ihrem Sitzplatz und schmiegt sich an den Vater.

Wer ist hier der Chef(koch)?
Ein Lustspiel in einem Aufzug.
Rotwein-Guy: (zeigt eine selbstzufriedene Miene) „Und dann würde ich sagen, da Du ja Rotwein besorgt hast, tun wir davon auch 'was rein.“
Hackfleisch-Rechner: (schaut ihn ungläubig an) „Bist Du verrückt? In Bolognese gehört doch kein Rotwein!“
Rotwein-Guy: (hat den Tonfall des Gourmets angenommen) „Sicher, wenn man welchen zur Hand hat. Das gibt dem Ganzen noch den richtigen Kick.“
Hackfleisch-Rechner: (sein Tonfall hat dafür nur Verachtung übrig) „Du bist vollkommen verrückt, man tut in Tomatensoße niemals Rotwein.“
Rotwein-Guy: (man hört den erhobenen Zeigefinger aus jeder Silbe) „Wir reden hier ja auch von Bolognese.“
Hackfleisch-Rechner: (versucht es mit ein wenig Alltagsmathematik) „Ja, aber trotzdem, rechne mal das Hackfleisch raus, was bleibt dann?“
Rotwein-Guy: (triumphierend) „Ja wenn wir erst anfangen, das Hackfleisch rauszurechnen, können wir uns ja die Bolognese gleich sparen.“
Hackfleisch-Rechner: (herausfordernd) „Ich wette mit Dir, dass außer Dir sowas niemand tut, ich guck das nach.“
Rotwein-Guy: „Chefkoch?“
Hackfleisch-Rechner:„Ja.“
Rotwein-Guy: „Okay, sagen wir auf der ersten Seite sind mindestens drei Rezepte?“
Hackfleisch-Rechner: „Angenommen.“
(Sie schlagen ein.)
Rotwein-Guy: (Nach kurzer Pause) „Ich bin sowieso der einzige, der hier richtig was tut.“
Hackfleisch-Rechner: „Wieso?“
Rotwein-Guy: „Ich hab viel mehr Hackfleisch im Gepäck als Du.“
Hackfleisch-Rechner: (zeigt ihm einen Vogel) „Ach, Du spinnst doch!“

Hier ist meine Haltestelle und ich steige aus, in dem Wissen, dass morgen wieder eine Geschichte auf mich wartet.

P.S.: Die Überschrift ist für Altphilologen.

Freitag, 7. Februar 2014

Geschenke

Zugegebenermaßen etwas spät und damit in gewisser Weise schon eine traurige Einsicht, wünsche ich allen, die sich hier hin und wieder hinverirren ein frohes und erfolgreiches Jahr 2014. Das sich erst jetzt wieder etwas hier findet, zeigt leider auch, das meine eignen Vorsätze nicht recht haben fruchten wollen. Denn eigentlich hatte ich vor, schon zum neuen Jahr wieder hier neuen Lesestoff zur Verfügung zu stellen. Ich werde mich bemühen, es in Zukunft nicht an dem dazu nötigen Elan fehlen zu lassen. Hier aber zunächst einmal zum eigentlich Relevanten. Es ist ein altes Drama, dem sich der geneigte Leser wohl auch selbst schon gegenüber sah: Das Geschenk. Dies ist also nicht vielmehr als eine weitere persönliche Fußnote zu diesem Problem, in der sich der eine oder andere wiederzuerkennen sich im Stande finden dürfte.

Zunächst zum Begriff: Was ist „Geschenk“? Rein etymologisch betrachtet taucht es im Althochdeutschen als „gift“, so viel wie Gabe, Belohnung Geschenk, auf und ist in dieser Form ja auch heute noch, vor allem im Englischen "gift" oder "give", im Deutschen nur noch in feststehenden Begriffen („Mitgift“) vorhanden.
Geht man frei nach Ludwig Wittgensteins Sprachspielen an die Sache, dann kommt einem das Wort in den verschiedensten Kontexten unter. Beim späten Wittgenstein ist Sprache ein Spiel mit bestimmten Regeln und jeder Sprecher ist Mitspieler. Der Einzelne lernt durch die Beobachtung der Sprecher und erhält einen Eindruck davon, wie die Regeln sind, wenn er die Reaktion der Mitspieler auf einen Zug eines Spielers verfolgt, der entweder anerkannt oder kritisiert wird. Sprache verliert dadurch bei Wittgenstein an der von anderen früheren Ansätzen vertretenen Normativität und Anspruch, Wirklichkeit abbilden zu können, weil es schlicht ein menschliches Verhalten darstellt, zu parlieren.

Schaut man sich nun die Kontexte an, so findet man, dass solches gesagt wird: „Es ist ein Geschenk“ oder „Packen Sie es bitte als Geschenk ein“ oder bemerkt manchmal , man wolle „das nicht einmal geschenkt haben“. Es gibt „Geburtstags-“, „Weihnachts-“ oder auch „Brautgeschenke“. Man „schenkt“ jemandem „seine Liebe“ oder „sein Vertrauen“. Und dabei wird schon ersichtlich, dass der Inhalt eines Geschenks völlig unterschiedlicher Natur sein kann.
Es stellt sich darum aber die Frage: Was zu schenken es wert ist. Es entscheidet ja offensichtlich weniger der Inhalt als die Geste und dennoch nicht so sehr, dass sich die Mutter auch beim zwanzigsten Mal noch über Topflappen oder Lockenwickler freut, genauso wie der Vater in Anbetracht der Socken oder der Krawatte die Augen verdreht.

Es sollte also etwas sein, das zugleich die Wertschätzung für den anderen auszudrücken, zugleich aber auch die Wertschätzung des anderen einzufangen vermag. Ein Buch? Immer gut. Vor allem aus des Germanisten Sicht. Eines das schon der eigenen Qualitätskontrolle unterzogen worden ist? Das bewahrt vor der einen oder anderen bösen Überraschung, aber möglicherweise nicht vor der entscheidenden, nämlich dass der andere das Geschmacksurteil nicht teilt.
Eine CD? Prinzipiell dasselbe Problem, wobei hier ein Weniger an Unsicherheit im Geschmack mit einerm Mehr an Unsicherheit über den Bestand des Beschenkten tauscht.
Ohnehin scheint noch wichtiger aber die Originalität. Denn je besser, um es sprachtheoretisch zu formulieren, „Selbstoffenbarung“ mit „Appell“ verbunden sind, desto eher scheint sich der gewünschte Effekt einzustellen. Geld und mit solchem erworbenen Gütern haftet in diesem Zusammenhang immer ein gewisses Stigma an. Genauso schief aber würden die Blicke, wenn die selbstgemalten Bilder, die in Kindertagen so wohlwollend aufgenommen werden, ganz gleich sich wohl bei mir auch damals schon abgezeichnet haben muss, dass daraus nie ein Picasso werde, wieder zum Einsatz kämen.

Also was tun, sprach Zeus und klingt dabei so ratlos, obgleich ihm noch die geballte Macht der griechischen Gottheit zur Verfügung stand. Einige laufen im letzten Moment in den Laden und greifen das Nächstbeste aus dem Regal. Andere, hartgesottenere Gemüter sind in der Lage, einige sogar ohne mit der Wimper zu zucken, weiterzureichen, was sich in ihrem Besitz befand, ob nun durch Eigenerwerb oder schon da Geschenk. Die einzig zulässige Situation scheint aber zu sein, dass es sich dabei um etwas handelte, was ihnen selbst am Herzen hing. Da überwiegt klar der Anteil „Selbstoffenbarung“ und mit ein wenig Gespür für den Gegenüber können dies sogar echte Sympathieträger werden. Die absoluten Hardliner schließlich verschenken den mittlerweile sprichwörtlichen „Zehner im Umschlach“, wobei sich schon in der saloppen Aussprache die gleichartige Einstellung zur Sache insgesamt vollständig auszudrücken vermag.
Der entscheidende Gedanke, wie immer zum Schluss: Ein Geschenk ist ein zutiefst zweiseitiges, denn der Schenker kann, das „richtige“ Geschenk vorausgesetzt, nicht nur dem Beschenkten, sondern auch sich selbst eine große Freude damit machen. Und das ist letztlich das höchste Ziel.

Montag, 16. September 2013

Die Qual der Wahl

Es ist wieder mal soweit. Die Zeit ist reif und alle freuen sich drauf! Naja, eigentlich nicht, aber mancher vielleicht. Wer sich sicherlich darauf freuen dürfte sind die, die ohnehin schon da sind, wo sie deswegen hinkommen könnten, und die, die noch nicht da sind, aber deswegen dahin kommen könnten, deren Chancen, es tatsächlich zu schaffen, werden gemeinhin eher als gering eingeschätzt.

Die Rede ist natürlich von der Bundestagswahl 2013. Seit Wochen beschweren sich alle darüber, dass sie nichts davon mitkriegen, wie die Parteien sich auf den großen Termin vorbereiten. Stattdessen beschränken sich alle darauf, wenn doch mal aus Politikerkreisen etwas laut wird, das auch nur geringfügig nach Kritik am jeweiligen Gegner klingt, dies sofort solange als wahlweise „Wahlkampftaktik“, „Wahlkampfgehabe“ oder, mein Favorit, „Wahlkampfmodus“ zu bezeichnen, bis tatsächlich jemand glaubt, es handele sich ebendarum. Wahlkampfmodus, da habe ich immer das Bild eines mehr oder minder klugen Automaten vor Augen, der über zwei Weisen des Daseins verfügt: Entweder ist er so eingestellt, wie es jeder von ihm erwartet, und keiner schert sich weiter darum, während er ruhig in seiner Ecke steht und vor sich hinsummt. Plötzlich aber leuchten diverse rote Warnlämpchen auf, ein hohes Pfeifen wird laut und dann ist es passiert: Er ist im berüchtigten Wahlkampfmodus, in dem er unberechenbar und mit einem Mordsgetöse um sich schlägt, mit Vorliebe auf seine Kollegen.

Mitunter geht das nach hinten los und er muss, ebenfalls eine von mir heißgeliebte Redewendung, „zurückrudern“, oder was in letzter Zeit noch häufiger der Fall zu sein scheint, er muss von irgendeinem seiner Parteifreunde „zurückgerudert“ werden. Stellen Sie sich bitte folgende Idylle vor: Es sitzen Politikerin A und Politiker B, die hier nur Stellvertreter sind, gemütlich in einem kleinen Ruderboot, eins von diesen kleinen Nussschalen mit nur zwei Rudern und im besten Fall zwei Bänken. Im Hintergrund knödelt Louis Armstrong sein allseits bekanntes und beliebtes „What A Wonderful World“ aus dem tragbaren Radio. Während disneyesk die Vöglein um den Sonnenschirm kreisen, der beiden Bootsinsassen ein wenig Schatten gegen die Sommersonne spendet, genießen diese das Leben. Dann plötzlich Fade-Out für Louis oder wahrscheinlicher (und unserem aktuellen Zeitgeist geschuldet): Ein übermäßig kräftiger Bass teilt plötzlich den Song in gleichmäßige Viertel, während er um mehrere Schläge pro Minute beschleunigt. Wie im Fieberwahn beginnt B mit einem Megaphon, kein Mensch weiß, woher er das plötzlich hat, politische Parolen in die sommerliche Landschaft zu brüllen. Während die Vögel panisch das Weite suchen, ist A verzweifelt damit beschäftigt, B auf seinen Platz zurückzuziehen, der sich nun wild von einer Seite auf die andere wirft und weit über die Reling hängend seine Pläne verkündet. Hell blinken Warnlampen und tönen die Pfeifen. Endlich gelingt es A, B zum Stillsitzen zu bewegen und das Boot, das darob mächtig ins Schwanken geraten war, wieder leidlich auszubalancieren. Louis hat die Technos aus seinem Studio wieder vertrieben und etwas verschämt ergreift A die Ruder und hält auf das Ufer zu. Hatten Sie dieses Bild bei dieser Redewendung noch nie vor Augen? Nein? Nun, dann wurde es aber allerhöchste Zeit.

Und als wäre das alles noch nicht genug, ist dieser Politiker B in jeder Partei mindestens einmal vorhanden. Insbesondere wenn die politischen Katzen ihre parlamentarischen Ferien genießen, kommen deren Mäuse plötzlich auf die grandiose Idee, die Schlagzeilenflaute mit ihren geistigen Ergüssen überbrücken zu müssen. Das dabei die eine oder andere Schiffbruch erleidet ist von vornherein klar, aber was tut man nicht alles für ein bisschen mediale Aufmerksamkeit. Und so geistern immer wieder geniale Einfälle durch die Gazetten, wie zum Beispiel vor Kurzem der Einfall eines FDP-Vertreters, der meinte, man müsse die Engpässe bei der Deutschen Bahn einfach dadurch beseitigen, dass sich jetzt anständiges Bahnpersonal finde, das bereit sei, seinen Urlaub abzubrechen und einzuspringen. Wen er sich damit zum Freund zu machen glaubte, ist mir noch nicht ganz klar, sicher allerdings dürfte sein, dass die FDP von den Bahnangestellten nun ein paar Wählerstimmen weniger erhalten wird. Vielleicht sollte besagter FDP-Mann seine nächsten Ferien abbrechen, um diesen Fauxpas auszubügeln.
Ähnlich ungeschickt stellten sich sicherlich auch die Vertreter der Grünen an, die lautstark darauf bestanden, es müsse in Kantinen und Mensen in Zukunft einen vegetarischen Tag geben, an dem keine Fleischgerichte serviert werden dürften. So wichtig ich die Reduzierung des Fleischkonsums und so nobel ich die Haltung des Vegetarismus oder gar Veganismus finde, so schädlich dürfte für alle drei Anliegen ein solcher Vorschlag gewesen sein. Plump gesagt: Dem ausgewachsenen Fleischfresser verbietet man nicht einfach sein Fleisch. Etwas elaborierter: Auch die Ernährungsgewohnheiten gehören im weiten Sinne zu den Persönlichkeitsrechten des Menschen und demnach sind sie nicht so leichtfertig einzuschränken. Diese Maßnahme, einmal durchgesetzt, wäre darüber hinaus allenfalls ein Scheinsieg, denn, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Schwein rettet man nicht, indem man sein fertiges Schnitzel nicht verzehrt, sondern indem man es gar nicht erst zum Schnitzel werden lässt. Soll heißen, tiefgreifender und damit wirkungsvoller wäre eine Maßnahme, die beim Bewusstsein der Leute ansetzt und nicht erst bei ihren Essgewohnheiten. Wer gewährleistet denn, dass man mit einem vegetarischen Tag in Deutschlands Kantinen nicht einfach bloß die Umsätze der nächsten Döner- und Currywurstläden in die Höhe treibt?

Aber was die Mäuse können, das können die Katzen schon lange und daher dauert es natürlich auch nie lange, bis diese wieder auf den Nasen der Republik herumtanzen. In noch nicht dagewesenem, weil technisch nicht erreichbarem Umfang hat die NSA-Affäre der Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass das geflügelte Wort vom gläsernen Bürger auf den Schwingen des amerikanischen Nationaltiers schwebt. Um Schadensbegrenzung bemüht und um das Wahlvolk nicht unnötig zu beunruhigen wurde hierzulande prompt ein Ausschuss gebildet, der mit der Aufgabe betraut war, ein wenig Licht in die Schatten der Geheimdienstarbeit zu bringen. Möglicherweise hatte die Bundesregierung tatsächlich gute Vorsätze, als sie mit allem gebotenen Respekt vor England und USA kroch. Die Antworten blieben dennoch aus. Die USA machten sich nicht erst die Mühe zu leugnen, das NSA und andere Geheimdienste Daten aus aller Welt in großem Stil abfischen, worüber man vermutlich noch dankbar sein muss, versicherten auch, es werde auf deutschem Boden deutsches Recht gewahrt. Das kommt in etwa der Versicherung des Nachbarn gleich, der auf der Leiter am gemeinsamen Zaun steht, einem die Kirschen vom Baum klaut, dabei freundlich grüßt und hochheilig verspricht, dazu nicht auch noch das Blumenbeet zu zertreten. Bei den Briten war die Abspeisung noch lapidarer. Es hieß, man müsse solche Anfragen direkt an den Nachrichtendienst des UK GCHQ stellen, da man nicht zu dessen Arbeit in der Öffentlichkeit Stellung nehme. Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, ob das aus Ignoranz oder eigener Unwissenheit über dessen genaue Aktivitäten geschieht.

Und als wäre das noch nicht genug stellt sich dann doch tatsächlich ein gewisser Kanzleramtsminister nach monatelangem Hin und Her, das weiter nichts als Ratlosigkeit und Lippenbekenntnisse erbracht hat, vor die Mikrophone dieser Republik und erklärt die NSA-Affäre für beendet. Das hat mit dem Öffentlichkeits- und Transparenzanspruch, den eine Demokratie haben sollte, gar nichts zu tun, eher mit den genervten Eltern eines widerspenstigen Kindes, dessen Versuche, länger aufbleiben zu wollen, für beendet erklärt werden, bevor es wieder ins Bett gesteckt wird. Leider drängt sich mir dieser Eindruck vom Verhältnis zwischen Regierung und Wahlvolk auch an anderer Stelle immer wieder auf. Zudem heißt es aus derselben Partei, sei das informationelle Selbstbestimmungsrecht ein Idyll aus alten Zeiten. Jawohl, das ist es und in diesem Fall dürften sich die Konservativen ruhig mal ihrem Namen gemäß verhalten und dieses Recht konservieren. Natürlich ist jeder gehalten, seine Privatsphäre so gut es geht selbst zu schützen und mit den Informationen, die ihm gegeben werden und die er vergibt, sorgsam umzugehen. Aber wenn es sich um Lauschangriffe von staatlicher Seite handelt, dann ist der Einzelne klar unterlegen. In solchen Fällen ist es schlichtweg die Pflicht der eigenen Regierung, ihre Bürger vor solchen Angriffen zu schützen. Klar ist auch, dass eine Nationalregierung keine globale Gesetzgebung vollbringen kann oder sollte, aber es wäre schon ein Schritt, wenn man mit den anderen Staaten über solche Abkommen verhandelt, anstatt sich taub für die Anliegen der eigenen Bevölkerung zu stellen.

Erst recht unnötig ist die Behauptung, ebenfalls eines Unionspolitikers, keinem geringeren als unserem Innenminister nämlich, der kurzerhand die Sicherheit zu einem „Supergrundrecht“ erklärt, dem alle anderen Grundrechte unterzuordnen seien. Das ist nicht nur sprachlicher Unsinn, denn wenn man ein Supergrundrecht postuliert, kann man sich gleich an eine Verfassungsänderung machen, Grundrechte heißt dieser Kanon deswegen, weil er erst einmal grundsätzlich jedem und dabei jedes Recht gleichermaßen zusteht. Es scheint, nicht nur unser Innenminister, sondern insbesondere die Führung der „finest nation of the world“ sollte sich einmal an ihre Wurzeln und an die Worte eines ihrer Gründerväter erinnern, der in etwa sagte, wer seine Freiheit aufgebe, um ein wenig mehr Sicherheit zu haben, der werde am Ende beides verlieren. Im Kampf für die eigene Freiheit sollte man sehr sorgfältig prüfen, dass man sie dabei nicht selbst erstickt.

So sieht es derzeit aus. Etwas mulmig ist mir daher als Wahlberechtigter, blicke ich auf den nächsten Sonntag. Soll ich nun Politautomaten, Megaphonschwinger, Mäuse, Katzen oder Konservative wählen. Und womit werden sie uns dann in Zukunft erfreuen? Ich wünsche Ihnen jedenfalls ein glückliches Händchen am nächsten Sonntag im Lokal, in dem man vergeblich darauf wartet, dass ein Kellner die eigene Bestellung mit den aufmunternden Worten kommentiert: „Eine gute Wahl!“.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Von Fliegen, Sommersonne, Akademikerkoller und (Un-)Ruhe

Man könnte sagen, dass dieses Stück Sprache einer der berühmten Endpunkte zweier sechsbeiniger, flugfähiger Tierchen ist, die einem zu dieser Jahreszeit so reichlich auf die Nerven zu gehen verstehen und deren Schicksal man, wenn man ehrlich ist, nur insofern der Betrachtung für wert erachtet, als es mit dem unseren in Verbindung gerät, weil sie mit enervierender Beharrlichkeit um unseren Kopf kreisen oder mit todesmutiger Blödheit das Zimmerfenster mit ihrem eigenen zu zerbersten versuchen. Obwohl: Endpunkt ist so auch nicht ganz richtig. Für die Fliegen mag es das Ende sein, geht man nicht davon aus, dass ihnen ein jenseitiges Dasein beschieden ist. In Bezug auf mein Anliegen stellt es aber eher den Beginn dar, wie schon unschwer an der Position dieser Passage im Dokument nachzuvollziehen ist. Es wäre, wenn ich so recht überlege, eigentlich treffender von einer Fingerübung zu sprechen, aber dann hätte konsequenterweise das oben gemalte Bild keinen Bezug mehr und das will ich nun auch nicht verantworten. Ich gebe also, wieder einmal, verehrter Leser, die Verantwortung weiter. Entscheiden Sie, ob es sich lohnt, die obigen Zeilen zu lesen. Sie könnten, zugegeben, einwenden, dass ihnen das an dieser Stelle nicht mehr hilft, doch kann ich mein Gewissen beinah rein nennen, denn dies liegt nicht in meiner Macht, sondern in der Natur der schriftsprachlichen Äußerung, die nicht anders als nacheinander lesbar ist.
Da wir nun die Einleitung hinter uns gelassen haben, können wir ohne weitere Umschweife zur Sache selbst kommen: Ich erwähnte eine „Fingerübung“ oder auch „Fliegenklatsche“. Nun, ich befinde mich am Ende eines weiteren Semesters und damit steht, wie mancher wissen mag, die Zeit der Hausarbeiten ins Haus. In Vorbereitung darauf, und weil mich das Thema, das ich mir für eine solche ausgesucht habe, so gefesselt hat, will ich nun ein kleines Stück davon hier auseinandersetzen... KLATSCH 

Es ist Sommer und das ist gut so. Prinzipiell jedenfalls. Überall Helligkeit und Wärme, am besten begleitet von der einen oder anderen Brise. Und vor allem Sonne, die Endorphine kitzelnde Sonne, so oft und so viel man will. Und das völlig kostenfrei und ohne jede Elektronik. Großartig! Sofort heben sich die Mundwinkel in der Umgebung und darüber finden sich schwarze, braune oder blaue auf jeden Fall aber „voll stylische“ Augengläser, die wohl in den seltensten Fällen tatsächlich wegen der schon erwähnten, manchmal blendend starken Feuerkugel am Himmel die Nase zieren, ganz zu schweigen vom Blau des Himmels, das jeder Beschreibung spottet.  Leider kitzelt diese Sonne nicht nur die Botenstoffe, sondern führt auch zu einem derart unverhältnismäßigen Flüssigkeitsverlust, dass einem jede Kleinigkeit zur erwähnenswerten Großtat (http://www.der-flix.de/images/heldentage/Tag_884.jpg) zu werden scheint. Und damit nicht genug, ausgerechnet diese Zeit fällt mit einer anderen Zeit zusammen, in der der gemeine Studiosus gezwungen ist, sich mit den geistigen Höhenflügen von Leuten zu befassen, die sicherlich ein gut klimatisiertes Schreibzimmer zur Verfügung hatten, in denen diese Höhenflüge nicht als Ikarusprojekt enden mussten...KLATSCH

Manchmal wird es einem wirklich nicht leicht gemacht: Da hat man sich gerade zu Bett gelegt und erwartet die sanften Arme Morpheus' und stattdessen hat man das Empfinden, sich eher auf einen zum Ausschwärmen bereiten Ameisenstaat begeben zu haben. Dieser trippelt nun ganz besonders über ein Areal und schreckt mit seinem Gewusel den eigenen Staat an grauen Zellen auf. Da laufen dann die Synapsen heiß und produzieren Idee an Idee, die einem den Tag über mal hätten einfallen sollen! Doch darauf nimmt die Maschine keine Rücksicht. Und dass man jetzt viel lieber den großen Aus-Knopf betätigt hätte, hat die Natur irgendwie nicht bedacht, als sie uns ein Bewusstsein aber keine Bedienungsanleitung dazu gegeben hat. Was ist das überhaupt für eine Erfindung, die sich selbst als die größte seit Menschen Gedenken feiert, die aber nicht in der Lage ist, sich dann, wenn man es will, in den Standby-Modus begibt? Wieso ist es so schwer, einfach mal auf Anweisung an nichts zu denken? Ich kann auf Anweisung an rosa Elefanten denken oder an schottenkarierte Giraffen, und ich bin mir sicher, dass das jetzt ganz viele Leser ebenfalls tun. Selbst wenn ich ihnen dringend davon abrate, sich solchen Unfug auszumalen. Müsste das Nichtdenken nicht einfacher zu bewerkstelligen sein als dieses Feuerwerk der Geistesblitze, das sich da gerade hinter meinen geschlossen Augen abspielt und mich fast dazu bringt doch wieder aufzuspringen und ihnen nachzugehen? Schließlich sind die Ameisen doch weitergezogen und die Ruhe kehrt ein...

Die größte Schweinerei aber wartet ja noch bis zum nächsten Morgen. Ist es nicht die wohl größte Unverschämtheit, dass ich mich nun, wenn ich diese insekteninduzierte, schillernde Vielfalt tatsächlich gebrauchen könnte, nur noch an einen Bruchteil davon erinnern kann? Oh nein, so einfach ist es nicht. Da stehe ich in den verstaubten Ruinen meiner Wolkenschlösser, sehe, wie der einstmals prächtige Eingang nicht mehr als ein verfallener Bogen ist. Die prächtigen Stufen haben deutlich an Glanz verloren, mal davon abgesehen, dass sie so trittfest nicht mehr aussehen. Die in der Nacht noch großartige Inneneinrichtung liegt zerschlagen in und um die Trümmer der Mauern, die ein mehrere Etagen umfassendes Monument stützten, als sie besser nicht dagewesen wären. Allein, nun sind sie da und lassen gerade und so eben erahnen, was da vor ein paar Stunden noch stand. Ein paar Stunden, die sich im Blick zurück als unüberwindliche Ewigkeit erweisen. Ein wenig melancholisch, aber vor allem spöttisch liegt der Torbogen wie ein Hohnlächeln vor meinen Füßen. Und als ich wieder hinsehe ist er verflogen, samt dem Rest der Reste meiner Ideen. Nun habe ich Stift und Zettel in der Hand, doch was vor mir liegt, ist ein weißes Blatt, dass auf frappierende Weise dem ähnelt, was in meinem Kopf zu finden ist. Die klaren Konturen haben sich verloren und ein fluffiges, weißes Etwas bleibt zurück, dessen Oberfläche hübsch anzusehen, dessen Inhalt jedoch schwer zu erfassen und noch schwerer zu durchdringen ist...

So sieht es aus, lieber Leser, ob es nun an den fliegenden Insekten, der erhöhten Sonneneinstrahlung, eventuellem Akademikerkoller oder den nicht fliegenden Insekten liegt, im Moment jedenfalls erstrecken sich meine Ideen selten über mehr als ein paar Grundpfeiler, wie aus der oben angezeigten Sammlung ersichtlich geworden sein dürfte. Das mag sich in nächster Zeit vielleicht ändern, ich hoffe wenigstens darauf, bis ich allerdings Fliegenklatsche, Sonnenbrille, Fachliteratur und Ameisenumsiedlungsutensilien aus der Hand legen kann, wird es allem Anschein noch ein wenig dauern. Für die Tastatur ist so oder so gerade kein Finger frei.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Und zurück bleibt ein unbeschreibliches Kribbeln

Sieh da, Welt! Du siehst mich beswingt, denn der Musi Kus hat mich ereilt, ob dessen ich mich nicht enthalten kann, dies Wort einer quasi papiernen Dauer zu überantworten.

Worum es gehen soll? Ja, man ahnt es schon, um Musik. Und ähnlich, wie das eine oder andere gute Lied, lässt sie einen im Ganzen nicht mehr los, treibt einen zu atemberaubenden Höhen und das in mit gleichem Adjektiv beschreibbarer Geschwindigkeit. Mal ist sie zart und umgibt einen wie eine warme Aura, besonders dann, wenn einem zuvor kalt war, schwebt hier und mäandriert mit besänftigender Ruhe nach dort, aber immer umgibt sie einen, sodass man sich in sie hüllen kann, so zuverlässig wie in eine weiche Decke. Mal ist sie rot glühend, ohne Rast aber mit Macht und reißt einen mit sich vom Stuhl oder Couch, ohne Rücksicht auf die Inneneinrichtung. Keine Stimmung, die sie nicht einzufangen und im richtigen Moment wieder freizugeben weiß.
Und in eben diesem Moment, läuft sie zur Untermalung meines Treibens, wie fast immer, wenn ich eine Aufgabe zu erledigen habe. Denn mit Musik lässt die sich einfach besser lösen, wenn sie derselben nicht gerade im Wege steht. Überhaupt ist sie bei mir beinah allgegenwärtig. Dank sei an dieser Stelle auch meiner Musikanlage ausgesprochen, ohne die so manche Ohrgie gar nicht möglich wäre. Und wo die nicht zur Verfügung steht, gibt es ein tragbares, „nichtsdestowenigertrotz“ (Dieses Wort habe ich mal bei einem Interview von einem Schwimmathleten gehört und wollte seitdem unbedingt mal sehen, wie sich das geschrieben so macht.) zuverlässiges Gerät und das befeuert mit seinem Lauf meinen eigenen. Warum läuft Musik eigentlich? Weil sie so schnell an einem vorbeizieht, oder weil sie wie Wasser fließt? Vielleicht beides.
Hinzu kommt, dass ich für fast alles offen bin, was so mit Hilfe menschlicher und unmenschlicher Klangkörper alles zustande zu bringen ist, sodass mir beinah alles, was mir zu Ohren kommt, auch ein unwillkürliches Fußtappen oder Pfeifen entlockt. Vom Mitsingen muss ich leider, wenigstens im Beisein meiner Mitmenschen, dann doch Abstand nehmen, weil es schon einen Chor braucht um meinen „Beitrag“ zu vertuschen. Glück habe ich mit besagten Mitmenschen auch, weil sie wenigstens in Teilen meinen Geschmack teilen – überhaupt kann Musik ja mächtige Bande schmieden. So viel zur Theorie und Sonnenschein.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten... Und wie ich deutlich zu machen versuchte, bin ich in dieser Frage, und bemühe mich auch jeden Tag auf's Neue, es zu sein, wirklich tolerant. Aber das wird einem nun wirklich nicht einfach gemacht. Nach meiner eigenen bescheidenen Meinung gibt es drei, vielleicht vier Phänomene, die in dieser Beziehung in ihrer Schattenhaftigkeit kaum zu überbieten sind.
Da hätten wir zum einen die Leute, die einfach die falsche Musik mögen, und die, so groß die geheuchelte Empörung jetzt sein mag, jeder kennt. Die wären an sich noch nicht so schlimm, gehörten sie nicht meist auch noch zu einem der nachfolgenden Vereine.
Die zweite Gruppe ist in Fragen der Musik so verkrampft und engstirnig wie andere mit ihrer religiösen Überzeugung, wenn sie nicht ohnehin mit dieser zusammenfällt. Sie sind ausgesprochene Monotheisten und tolerieren neben ihrem keine anderen Götter. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, gehen sie mit demselben missionarischen Eifer wie einige Glaubensknallköpfe an die Sache heran.
Drittens gibt es Leute, die zur Gruppe der zweiten wenigstens zu gehören scheinen, die deren Eifer vielleicht aus Unvermögen weniger argumentativ zur Schau stellen, als das sie einfach direkt ihre sogenannte „Musik“ mit der gesamten Welt zu teilen versuchen. Und wo das nicht geht, wenigstens mit dem Rest der Fahrgäste im Bus oder Zugabteil. Nie war die Erfindung des Kopfhörers zugleich angebrachter und doch sinnentleerter als bei den Zeitgenossen, die ihre musikalisch begabte Elektronik zwar mit ebensolchen versehen, im selben Moment das Gerät aber bis zum Anschlag und darüber hinaus aufgedreht haben, sodass ich mühelos das, was für alle im Raum sich Befindenden hörbar aus den Lautsprechern quillt, auf seine eigene Sinnhaftigkeit hin prüfen kann. Meistens, so sind bisher meine empirischen Befunde, handelt es sich um a) Sinnloses Faselndes, b) Klischees Auswringendes, c) Frauen Verachtendes oder d) die eigene Potenz, im weitesten Sinne, ins Rampenlicht Stellendes. Ob hier Musik oder Hörer Henne bzw. Ei darstellt, darüber dürfte sich noch trefflich streiten lassen.

Viertens gibt es, und hierfür könnte man mich fast für einen Vertreter der zweiten Gruppe halten, wenn nicht jeder wüsste, dass es einfach wahr ist, was ich gleich zu sagen gedenke, [Schlager und Volksmusik], deren, zugegebenermaßen beachtliche, Hörerschaft gehirngewaschen sein muss. Anders ist einfach nicht zu erklären, wie man nach dem achtundneunzigtausendsten Mal immer noch eine Musik mögen kann, [die immer auf denselben vier Takten ihre Schläge und mit Sicherheit dazwischen einen tödlich langweiligen Smog aus sphärischen Klängen und Blasinstrumenten hat]. Unvorstellbar gar, wie man sonst diese Menge an [sedierten Klatschzombies] in den eigens für solche Folter eingerichteten [Fernsehinstitutionen] erklären wollte, die jede Woche wieder bereitwillig in denselben Keller zurückkehren, um sich vom [misstrauenerweckend gut gelaunten] Personal eine weitere Dosis verabreichen zu lassen. Wie gesagt, man könnte mich für ebenso engstirnig und missionarisch feuereifernd halten, hätte ich nicht vorgesorgt. Sollten Ihnen meine vorangegangenen Ausführungen nicht zugesagt haben, sollte es Sie überhaupt gegeben haben, biete ich Ihnen jetzt die Möglichkeit, den Abschnitt (von „Viertens“ bis zum Punkt vor „Wie gesagt,...“) noch einmal zu lesen. Da ich Platz und Zeit sparen wollte, habe ich hier einen Text-Dummy eingerichtet, angedeutet durch die eckigen Klammern, der mit wenigen Handgriffen Ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen angepasst werden kann. Hierzu müssen Sie lediglich den Inhalt besagter Klammern löschen und nach eigenem Gutdünken neu auffüllen. Nur zu, der Rest von uns wartet hier, bis Sie soweit sind. Ja, wir bleiben hier, keine Sorge. Der Rest macht solange Pinkelpause oder was weiß ich...

So, nachdem wir uns alle wieder eingefunden haben, auf die eine oder andere Weise erleichtert, kann ich ja fortfahren. All diese Gräuel, mit denen ich, mit denen jeder, beinah jeden Tag sich konfrontiert findet, lassen einen dann umso mehr wertschätzen, was einem aus den heimischen Lautsprechern entgegenkommt. Oder wenn es schon nicht die heimischen sind, dann wenigstens befreundete. Denn merke: Wo man singt, da lass dich nieder. Aber nur da, wo du bereit wärst, mitzusingen und zwar auch schon im nüchternen Zustand! Ach ja, die Nüchternheit, da habe ich doch schon wieder ein Phänomen für meine obige Aufzählung. Und Tanzen verdiente in diesem Zusammenhang eine ganz eigene Betrachtung... Ich habe bereits zuvörderst darauf hingewiesen, dass meine eigenen gesanglichen Talente doch zu wünschen übrig lassen, und niemand bedauert das mehr als ich. Beim Tanzen sieht es zwar ähnlich aus, doch habe ich es bisher immerhin, und hier besteht vielleicht noch Grund zur Hoffnung, zu einem Notfall-Kit gebracht. Aber es gibt Menschen, die ähnlich gestraft, jegliches Taktgefühl vermissen lassen und trotzdem zu singen versuchen, sei es nur einem erhöhten Alkoholspiegel, Verlegenheit in bestimmten Situationen oder Profiterwägungen geschuldet (und da rechne ich die Leute, die anderen Leuten ohne Sangestalent aber mit dickem Geldbeutel die Chance dazu geben, mit ein).
Aber ich wollte ja versöhnlich enden: Also könnte man den bereits zitierten Rat wie folgt modifizieren: Wo man vokaliert oder rhythmische Bewegungen zu gewissen in der Luft befindlichen Schallwellen auszuführen versucht, da lass dich nieder, unter sorgfältiger Prüfung der Bedingung der Möglichkeit der eigenen Partizipation an Sang und Tanz und vorigem Puste-Test, um rauszukriegen, ob man noch eine gerade Linie beim Laufen treffen kann. Zugegeben, das ist nicht mehr ganz so griffig und leicht, aber das ist es nie. Schließlich kommt es auch nicht so sehr darauf an, was man hört, sondern wie. Und ob man singen kann bzw. sollte. In diesem Sinne lässt sich die von mir gewählte Überschrift auch wieder auf magische Weise in den Text integrieren. Musik ist wie Musikus: Ein plötzlicher Impuls wird mit messerscharfer Wahrnehmung des eigenen Körpers und Euphorie belohnt, es ist nur die Frage, ob es die blauen Flecken lohnt.

Auf Wiederhören!

Freitag, 29. März 2013

Das Wort

Da saß er wieder einmal an seinem Pult, die Feder in der Hand, aber die Worte, sie wollten nicht kommen. Er hatte sie gebeten, sie hatten sich nicht gezeigt. Er hatte sie ignoriert, doch waren sie darin besser gewesen als er. Schließlich hatte er sie mit aller Gewalt auf's Papier zu bringen versucht, doch sie sträubten sich erfolgreich dagegen. Und so saß er wieder untätig vor einem neuen Bogen, nachdem er wegen der Wut über die eigene Unfähigkeit bereits mehrere Blätter zerknüllt und gegen die Wand geworfen hatte. Ein kleiner Haufen lag ihm nun gegenüber und grinste ihn höhnisch an. Natürlich konnte ein Haufen Altpapier, der vielleicht noch allenfalls als Schneeballersatz seinen Zweck haben mochte, nicht höhnisch grinsen, es war eher das Weiß, schneeweiß. So wie dieser aussah, wenn er sich gerade aus der Luft auf einen Zweig niedergesenkt hatte. Keine erkennbare Verunreinigung, keine Spur menschlichen Schaffens. Und genau das war es, was ihn zur Weißglut trieb. Wenn er wenigstens einen Strich auf den Blättern hinterlassen hätte. Ein rigoroser Schlussstrich quer durch die unbeholfenen Versuche, die Worte auf's Papier zu bringen, die nicht kommen wollten – nein, sie kamen nicht, wenn man sie rief. Dafür umso öfter, wenn man sie brauchte. Dann waren sie plötzlich da, kitzelten einen im Ohr und zauberten mit ihrer Wörterwärme ein Lächeln auf so manches Gesicht, tanzten einem vor den Augen so wild und zahlreich, das man sich fragen mochte, ob man überhaupt in der Lage sein würde, sie in Ordnung zu bringen. Vielmehr lief man Gefahr, von ihnen fortgerissen zu werden in einen euphorischen Taumel, der einem selbst, solange er anhielt, wie Sekunden erscheinen mochte, im Nachhinein sich aber als Stunden herausstellte, von dem andere aber nicht die leiseste Ahnung bekamen. Gesetzt den Fall, dass sie nicht diesem jemand höchst selbst auf der Nasenspitze herumtanzten.

Wörter kannten keine Zurückhaltung, egal wer sie, wo auch immer und wann auch immer äußerte. Sobald sie von der Zunge gesprungen waren, hielt sie niemand mehr auf, eigentlich war es auch schon auf der Zunge zu spät, wenn man es recht bedachte. Dort genügte ein unbedachtes Luftholen, denn sobald sie die Möglichkeit erkannten, nutzten Worte sie gleich. Nein, ihre Handhabung war nicht einfach, ganz zu schweigen von dem Versuch, sie auf eine feste Unterlage zu bannen. Sie liebten es nicht, denn eigentlich war ihnen das freie Schweben im Raum, die Sekunden und Sekundenbruchteile von plötzlicher Energie in denen sie sich drehten und wendeten, um dann erneut spurlos zu verschwinden, der liebste Raum. Ihnen fehlte auf dem Papier der warme Atem, der sie anbließ und ihnen die Kraft verlieh, bis in die höchsten Höhen aufzusteigen. Schnell umschmeichelten sie dann das Ohr eines anderen, wisperten leis' hinein oder traten sanft aber bestimmt auf, hin und wieder sogar, wenn sie besonders übermütig waren, nahmen sie ihre ganze Wucht zusammen und dröhnten im Kopf des Hörers, das er meinte, sich vor ihnen verschließen zu müssen. Doch das gelang nie wirklich gut. Wörter waren nicht dafür bekannt, trotz ihres heimlichen Daseins und nur plötzlichen Auftretens im Mittelpunkt, sich, wenn sie sich einmal den Weg gewählt hatten, von ihm abzuweichen. Oh, und nie nahmen sie etwas zurück, man konnte ihnen so viele weitere nachsenden wie man wollte, wenn sich dafür überhaupt welche hergaben. Die ersten die auftraten, hinterließen immer den bleibendsten Eindruck. Deswegen war es ja auch so wichtig, sie, wenn sie sich einem schon anboten, alle aufzunehmen und dann sorgfältig auszuwählen, welche man wann und wo wieder frei ließ.

All darüber dachte er so nach, während er mit erstarrter Miene und erstarrtem Schreibutensil an seinem Pulte saß. Er hatte wieder einmal umsonst gewartet. Er blickte noch einmal auf das immer noch weiße Blatt Papier vor ihm. Die so frohgemut ergriffene Feder, die nun nutzlos Zentimeter über ihrem Ziel verharrte. Er war gewissermaßen dem Schreiben so nah, wie man ihm nur sein konnte, ohne tatsächlich zu schreiben. Und doch hielt ihn eine unsichtbare, nicht zu durchbrechende Wand zurück. Er drückte unwirsch mit Daumen und Zeigefinger seiner Schreibhand gegen den Griff des Füllers. So kräftig, dass aus seinen Fingern schon das Blut wich und sie weiß wurden. Schon wieder weiß! Wie konnte eine so nichtssagende Farbe solche Wut hervorrufen? Entfernter konnte man dem Ausdruck nicht sein... Nichtssagend! Das war es, weiß war keine Farbe, um mit ihr zu sprechen. Unschuld und Reinheit haben nichts mit dem Sprechen gemein. Sprechen farbenfroh, war bunt, bei manchem auch schmutzig, aber nie war es so steril wie ein weißes Blatt Papier. Nur wer nicht zu sprechen wusste, dessen Blatt blieb weiß. Habe ich denn zu sprechen verlernt?! Bin ich nicht deswegen überhaupt hier her getreten? Warum sollte ich Stift und Papier, seit Alters her die zweitliebste Form der Kommunikation ergreifen, wenn nicht um damit zu sprechen? Also, ihr vermaledeiten Wörter kommt! Ich habe alles getan, was ich kann, damit ihr mich einmal wieder besucht. Was habe ich euch getan, dass ihr mich meidet? Dann, ganz langsam, er bemerkte es zunächst nicht, sammelte sich ein wenig Tinte an der frisch geprüften Feder. Langsam wurde es mehr bis ein einzelner Tropfen tief blau sich bereit machte, von der Spitze sich zu lösen. Ein seltsamer Lichtreflex erregte die Aufmerksamkeit des Schreibers. Gerade als er sich diesem zuwandte, hüpfte der Tropfen. Nur einer. Der Schreiber hielt den Atem an. Und mit einem nahezu ohrenbetäubenden Krachen traf die Tinte das Papier, um sich in rasender Geschwindigkeit darauf auszubreiten.

Winzige Äderchen bläulichen Lebens suchten sich einen Weg durch das faserige Material der Zellulose. Vor den ungläubigen Augen des Betrachters gab das Papier nach und wie auf einem See, in den man einen Stein wirft, strebten Wellen dem Rand des Blattes zu. Tiefes Blau breitete sich aus nur um kurz darauf abgelöst zu werden von schnell wechselnden Bildern, sodass das Papier zum Kaleidoskop noch nicht gekannter Welten wurde. Dort lag ein großer See, sodass der Schreibende zunächst noch glaubte, bloß Tinte zu schauen und sich noch fragte, wie ein einzelner Tropfen solche Ausmaße annehmen konnte. Doch dann war da ein fahles, klares Licht im Blau. Ein Mond. Er erhellte das Blau des Himmels, sodass man dessen Bläue erahnen konnte, während das darunter liegende Gewässer, so schwarz wie die tiefsten Tiefen des Kosmos wirkte. Und noch während dieser Gedanke im Kopf des die Feder Haltenden Gestalt annahm, zeigten sich auf der Oberfläche nun kleine Lichter diffus zunächst, doch dann immer konturierter. Sie schlossen sich zu Gruppen zusammen, mochten wohl Galaxien und Nebel bilden. Dann verloren sie sich in neuerlichem Nebel, der ihre Helligkeit zunächst schwächte und dann gänzlich verschluckte.

Aus ihm schälte sich eine junge Sonne, beschien eine Wiese umgeben von Bäumen und im Hintergrund ein Bauwerk, dessen Konturen, vom Nebel umfangen, doch schließlich deutlich erkennbar in die Höhe ragten. Wieder veränderte sich das Bild und weit oberhalb der Erde fand sich der Betrachter nun wieder, sacht' glitt er geradeaus, schraubte sich mal tiefer, mal höher und um sich selbst, schwebte zwischen Wolken hindurch, die die unwahrscheinlichsten Gestalten formten. Dann ein Gesicht, das mit leuchtenden Augen und einem breiten Lächeln vom Blatt zum Schreiber aufblickte. Es drehte sich zur Seite und neben seinem Profil erschien ein zweites, ihm zugewandtes Gesicht, das ebenfalls lächelte. Sie verfielen in ein lautloses Gespräch. Während sie sprachen entfernten sich die Gesichter von ihrem Zuschauer, sodass ihre Umgebung ins Auge fiel. In einer gemütlichen kleinen Stube saßen sie an einem Tisch und zwischen ihnen lag ein Blatt Papier. Weiß zunächst, doch dann ergriff die eine Gestalt einen Stift, um mit wenigen, leichten Strichen Wörter auf dem vormals unbeachteten Bogen auftauchen zu lassen. Mit einer einladenden Geste schob die erste der zweiten Gestalt das Blatt zu und hielt auffordernd den Stift von sich gestreckt. Da ergriff die zweite der ersten Hand. Gerade setzte sie mit sinnender Miene die Feder auf das Papier als das Bild sich noch einmal veränderte: Nun war das Blatt zu sehen und in klarer, fast zierlicher Schrift standen dort die Worte der ersten Gestalt: „Mit diesen Worten beginnt die Geschichte...“

 Widerwillig, zwischen unbändiger Vorfreude auf das Kommende und Trauer über das Vorübergehen zerrissen, löste sich der Schreiber aus der sanften Umarmung der Worte. „Danke“, flüsterte er.

Montag, 25. Februar 2013

Der Kirchenlehrling

Um auch hier einmal wieder Spuren hinterlassen zu haben und aus aktuellem Anlass hier ein neuerlich lyrisches Unterfangen.
Obwohl im Zusammenhang mit Glaube, Gott und Kirche sich eigentlich verbietet, von einem „aktuellen Anlass“ sprechen zu wollen (Ist doch dieses Dreigestirn zu allen Zeiten aktueller Anlass wofür auch immer gewesen), habe ich es doch mit einem solchen zu tun. Aufgrund eines weiteren Praktikums an einem niedersächsischen Gymnasium und der heutigen Hospitation bin ich auf die folgenden Gedanken gekommen.
Ein Philosophie-Kurs war gehalten, das Semesterthema „Gott – eine gute Idee?“ anhand
einer Parodie Revue passieren zu lassen. Das habe ich mir zum Anlass genommen, ebenfalls
eine, wenn man dieses hier so nennen kann, Parodie zu schreiben. In meinem Fall stützt sie sich auf die Textstruktur des „Zauberlehrlings“ von Goethe, dessen Originalstrophen ich hier der Vollständigkeit halber in Klammern beigefügt habe. Wer noch mehr in dieser Sache lesen will, und ich kann es nur empfehlen, gerade, wen es eher nach etwas Zeitgenössischem gelüstet, der sei darauf verwiesen, die in den nächsten Tagen erscheinenden Ergebnisse auf http://muck-rakers.blogspot.de/ nachzulesen.
Nun aber erst mal zu meinem „Der Kirchenlehrling“:

(Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu' ich Wunder auch.)

Hat der alte Gott, der Meister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Schäfchen
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort' und Werke
merkt' ich und den Brauch,
und mit Fanalsstärke
tu' ich Wunder auch.

(Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.)

Folge! Folge manche Strecke,
dass zum Zwecke,
Gelder fließ'n
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Prunke sich ergieß'n.

(Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!)

Und nun komm, du alter Krieger!
Behalt die schlecht'n Lumpenhüll'n;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Knien flehe,
oben sei kein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Klingeltopf!

(Walle! Walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.)

Folge! Folge manche Strecke,
dass zum Schrecken Blut auch fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

(Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! Ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!)

Seht, er läuft zur Kirche bieder,
Wahrlich! Ist schon an dem Stuhle,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Fluche.
Schon zum zweiten Male!
Wie die Kasse schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Tränen füllt!

(Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!)

Stehe! Stehe!
Denn wir haben
deiner Gräuel
vollgemessen! -
Ach, wir merken's! Wehe! Wehe!
Ham' wir doch das Wort vergessen!

(Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.)

Ach, das Wort, worauf am Ende
der Glaub' wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Hätt'st du doch das alte Wesen!
Immer neue Kriege
bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Fliegen
stürzen auf uns ein.

(Nein, nicht länger
kann ich's lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!)

Nein, nicht länger
könn' wir's lassen;
woll'n ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! Nun wird uns immer bänger!
Welche Miene! Welche Blicke!

(O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh' ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!)

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus verruchen?
Hör'n wir schon an jeder Schwelle
doch die Atheisten fluchen.
Ein verflachter Glaube
der nicht lernen will!
Halt, der du gewesen,
sei's doch wieder, still!

(Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behände
mit dem scharfen Beile spalten.)

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Woll'n dich fassen,
woll'n dich halten
und das alte Beil behände
mit dem scharfen Worte spalten.

(Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!)

Seht, da kommt es tropfend wieder!
Wie wir uns nur auf dich werf'n,
gleich, oh Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft des Geistes Schärfe
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun könn' wir hoffen,
und man atmet frei!

(Wehe! wehe!
Beide Teile
steh'n in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!)

Wehe! Wehe!
Beide Teile
steh'n in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft uns, ach! Ihr hohen Mächte!

(Und sie laufen! Naß und nässer
wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd' ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen, Besen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“)

Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! Hör uns rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die wir rief', die Geister
werd'n wir nun nicht los.
„In die Ecke,
Wesen, Wesen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“

Sonntag, 25. November 2012

Es wird kalt

Es war kalt, soviel ließ sich mit Sicherheit sagen. Grau war es, ja, auch das ließ sich schlecht leugnen. Es regnete zwar nicht, aber der Niederschlag zeichnete sich dafür umso deutlicher auf den Gesichtern der Passanten ab. Die plötzliche Unbeweglichkeit stand in krassem Gegensatz zu deren Eile. Schlichte Unbeweglichkeit. Monotone Starre. Unumstößliche Ruhe. Ein tiefer Atemzug in morgendlicher Atemlosigkeit. Niemand wollte verweilen, obgleich sie die einzig einladende Geste in dieser Unwirtlichkeit war. Noch dazu war es früh und jeder versuchte, so wenig Zeit wie irgendmöglich draußen zu verbringen. Jeder hastete von einem beheizten Raum zum nächsten. Sie aber nicht. Sie stand dort. Bereits seit zwei Stunden, ja, kaum dass die Sonne hinter der Wolkendecke zu erahnen war, konnte man ihre Umrisse dort wahrnehmen. Das Podest schmucklos. Dort an dem ewig gleichen Platz. Keine Inschrift, die zum verweilen einlud. Zwischen angespannten Mienen, allein ihre Züge ebenmäßig und glatt mit einem goldenen Schein darauf. Das Einzige, was an Wärme erinnert in dieser diesigen Luft. Noch ein Atemzug voll kühler Luft füllte die Lungen. Unbeteiligt starrte sie geradeaus. Keiner schien sie wahrzunehmen, so wie sie niemanden eines Blickes würdigte. Und dann doch eine Bewegung: Eine einzelne Münze, die so scheint es, laut durch die Luft wirbelt, bevor sie in einem Hut landet. Und dann bewegt auch sie sich. Eine fließende Bewegung, die man zuvor nicht für möglich gehalten hat. Eine Verbeugung und ein höflich gehobener Hut. Eine ebenso elegante Bewegung und der Körper erstarrt wieder. Der Blick wird starr. Die lebende Statue entschwindet aus der Welt der Lebenden. Ein Denkmal schlichter Unbeweglichkeit bis jemand von ihr Notiz nimmt. An diesem Morgen, an dem keiner draußen sein will. Es wird kalt.

Dienstag, 18. September 2012

Lehrer - Ein Drama in drei Aufzügen

Es ist schon seltsam, was einen manchmal so packt und gedanklich festhält. Jedenfalls bemühe ich mich immer noch, vollends auszuloten, wie tief die Verwandschaft von Autofahren und Lehrerdasein geht.

Seit einigen Tagen mache ich ein Praktikum an einem niedersächsischen Gymnasium und neben einer Menge neuer Eindrücke hat sich vor allem dieser Vergleich eingeprägt, von dem ich bisher glaube, dass er den Weg eines Lehramtsstudenten recht treffend beschreibt. Oder schränken wir es ein wenig ein: Meinen Weg.

Es ist Abend und wir befinden uns, was für manchen ein Novum darstellen mag, in einem Theater. Die typische Stimmung vor dem Beginn eines Stückes herrscht. Die Zuschauer sind damit beschäftigt, ihre Plätze zu finden: "Entschuldigen Sie bitte, ich müsste hier durch! Dankeschön" "He, mein Kleid!" "Pardon."... "Ach Gott, Hermann, ich habe Dir doch gesagt, dass wir uns hier auf der falschen Seite befinden! Auf der Karte steht ganz eindeutig: links!" "Dein Links oder mein Links?". Sie tauschen sich über Gerüchte die Inszenierung betreffend aus oder über Alltägliches: "Nein, nein ich habe gehört, dass heute mal keine Nackten zu sehen sein sollen", "Na, immerhin." Dann wird das Licht über dem Publikum gedimmt und im Auditorium kehrt gespannte Ruhe ein. Die Scheinwerfer leuchten auf und lassen die Bühne erstrahlen. Das obligatorische Husten eines Zuschauers zerreißt die Stille, dann geht der Vorhang auf.

Erster Aufzug: Der Ort: Eine Autobahn oder Landstraße. Darauf mehrere Fahrzeuge. Der Blick in eines der Autos ist frei. Hinter der Fahrerin/dem Fahrer (nicht Zutreffendes bitte ausstreichen)  sitzt auf der Rückbank, wie es sich bis zu einer gewissen Körpergröße gehört, ein Junge und ist, wie so oft weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Dieser Junge hat, und da stünde ihm ein Mädchen in nichts nach, zwei Möglichkeiten, sich die Zeit während der Fahrt zu vertreiben: Entweder blickt er, wie wohl die meisten, zur Seite hinaus oder in ein Buch (möglich) oder sogar auf einen Bildschirm (zunehmend wahrscheinlich). Wählt er diesen Weg, ist die Geschichte vorerst erzählt, gesetzt den Fall, man möchte sich an dieser Stelle nicht darüber auslassen, was es über eine Gesellschaft aussagt, wenn das gesamte Leben durch Elektronik, so scheint es, bestimmt wird. Fußnote: Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie, die die These beweist, es handele sich bei Iphone und Co. weniger um eine Gegenstandsbezeichnung, als viel mehr um eine Beschreibung einer auffälligen Verhaltensänderung (Manche mögen sogar sagen: Verhaltensstörung), stehen noch aus.
Doch soll solches hier nicht Gegenstand sein.

Zurück zu unserem Jungen: Stellen wir uns weiterhin vor, nach seiner Verortung in einem sich mit konstanter Geschwindigkeit fortbewegenden, vierrädrigen Vehikel, das vermittels der Kraft bereits seit Jahrmillionen verstorbenen, organischen Materials seinen Weg nimmt, und der danach getroffenen Feststellung, er habe sich trotz aller von dieser ausgehenden Versuchung gegen die schnöde, immer elektronischer und immer flacher werdende Unterhaltung durch Smartphones, tragbare Konsolen, usw. , aber auch gegen die seit Jahren unpopulärer werdende Ergötzung entschieden, die sich vor allem jene auf Zellulose und darauf aufgetragene Farbpigmente gestützte Folianten zu suggerieren sich herausnehmen, so bleibt schließlich nur eine Möglichkeit übrig, die zu wählen der Junge in der Lage sich befindet: Er blickt zur Windschutzscheibe hinaus. Setzen wir darüber hinaus voraus, dass an diesem Tage gutes Wetter und nicht allzu viel Verkehr herrscht, so ließe sich denken, der Junge habe einen recht guten Ausblick auf die vor ihm liegende Wegstrecke. Sind wir so frei, und gestehen diesem Jungen, dem bereits erwähnten Mädchen mag das auch geschehen, die entsprechende Menge Grips zu, die es erfordert, die metaphorische Kraft dieser Aussicht zu erkennen, so haben wir in etwa die Situation, in der ich mich in Rückschau auf mein früheres Selbst gerade befinde: Der Junge sitzt auf der Rückbank des Wagens angeschnallt, hat also keinen Einfluss darauf, wohin es geht. Aber er kann sich ein Bild davon machen, wohin der Fahrer will, den er im Übrigen auch gut beobachten kann. Und zum ersten Mal mag sich dieser Junge darüber Gedanken machen, ob ihm das Ziel zusagt. Achtung: Erste Stufe des Vergleichs:
Der Junge ist also gewissermaßen Schüler, der dem Lehrer, also dem Fahrer des Wagens, dabei zusieht, wie dieser jenen zum Ziel fährt/führt. Vorhang.

Szenenwechsel: Das Auto, das wir zuvor gesehen haben, hat sich verändert. Ob es nur in die Jahre gekommen, oder durch ein neueres und moderneres Modell ersetzt worden ist, wie es immer wieder der Fall ist (Gerade im Bildungswesen!) bleibt der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Die alte Straße dürfte mittlerweile mindestens vierspurig ausgebaut sein. Auch Fahrer und Junge haben sich verändert: Nach Erreichen der dafür geforderten Körpergröße, hat der Schüler den Platz auf der Rückbank gegen den auf dem Beifahrersitz eingetauscht. Wohl hat der Fahrer auch so viel Vertrauen zu seinem Fahrgast gefasst, dass er nicht fürchtet, dieser könnte ihm urplötzlich in Gangschaltung oder gar Lenkrad greifen wollen. Wie dem auch sei, der Blickwinkel des Jungen hat sich verändert, ja, das zuvor vielleicht nur vage empfundene Gefühl, selbst einmal den Weg  bestimmen zu wollen, ist zu einem nicht zu leugnenden Wunsch und Ziel dieses Jungen geworden. Im günstigsten Falle handelt es sich um einen begnadeten Fahrer, der bereit und in der Lage ist, die Fragen des Jungen zur Führung des Wagens zu beantworten. Der Austausch zwischen Fahrer und Beifahrer, die sich neben dem Ziel ihrer Fahrt auch schon über den Weg und die Form der Fortbewegung unterhalten, dominiert die Szene. Ja, es mag sogar geschehen, dass während einer kurzen Pause, um sich die Beine zu vertreten, der Fahrer dem Beifahrer anbietet, selbst für eine kurze Strecke das Steuer zu übernehmen. Ermuntert durch die Aufforderung wird der Junge vielleicht sogar die Chance ergreifen und sich am Lenkrad probieren  Zweite Stufe des Vergleichs: Ein neugieriger und zugegebenermaßen auch etwas aufgeregter Praktikant, der Junge, sitzt mehrere Male auf dem Beifahrersitz und versucht, so viel wie möglich aus dem Wegstück mitzunehmen, das er da vom Fahrer präsentiert bekommt. Seine Mimik verrät dem aufmerksamen Zuschauer, dass es ihm hin und wieder in den Fingern juckt, den Fahrersitz einzunehmen. Vorhang.

Szenenwechsel: Ein letztes Mal hebt sich der Vorhang. War noch wahrscheinlich, dass in der zweiten Szene ein Auto zur Fortbewegung dient, so wird es sich im letzten Aufzug wohl um irgendetwas abgefahren Futuristisches handeln. Damit ist auch nicht mehr sicher, ob eine Autobahn, respektive Landstraße den Rahmen der Szene bildet. Aber wir sehen wieder den Jungen, wenngleich älter. Er sitzt am Steuer dieses Wunderwerks der Technik und ein Lächeln umspielt seine Lippen, wenn er beim Blick in den Rückspiegel den wachen Blick eines seiner Mitfahrer auf der Rückbank zur Frontscheibe hinaus erkennt. Der Vorhang fällt. Das Licht geht aus.

Applaus.

Hausaufgabe:
1. Erklären Sie, warum der Autor die letzte Stufe des Vergleichs nicht ausformuliert hat.
2. Lesen Sie sich die Szenen noch einmal durch, und entwerfen Sie bis zum nächsten Blogbesuch einen möglichen Dialog zwischen Fahrer und dem Jungen.

Viel Erfolg!

Samstag, 4. August 2012

Übertriebene Großohrigkeit

Nein, das hier ist kein Kommentar zur stiefmütterlichen Naturanlage, die ein gewisser Prinz Charles dieser Tage zu Olympia wieder häufiger zur Schau stellt. Es geht vielmehr um etwas, das mir immer wieder begegnet und bei dem ich mich immer wieder frage, wie man auf die Idee kommen kann, sowas freiwillig mit sich anzustellen. Körperschmuck ist eine heikle Sache, die einen sind dafür die anderen dagegen, mir ist es weitgehend egal, was die Leute so mit ihren Körpern anstellen. Obwohl, hin und wieder ertappe ich mich dann doch beim (mentalen) Kopfschütteln.

Vor ein paar Jahren war Pearcing in und auch das nahm und nimmt teilweise bizarre Formen an. Doch gehören zum Glück bis auf einige wenige Ausnahmen die Leute mit mehr Blech im Gesicht als jeder normale Mensch für möglich halten sollte mittlerweile der Vergangenheit an. Tattoos sind der Dauerbrenner und sieht man sich die EM noch einmal genauer an, könnte man meinen, heute komme es neben spielerischem Können vor allem auf eine möglichst umfassende Kartierung der eigenen Haut an. Nicht ein Team dabei, dass nicht wenigstens einen Spieler dabei hatte, dessen Arme wie eine Plakatwand aussahen. Das ist eigentlich die Sponsoringmarktlücke: In Zukunft braucht es keine  Banden- oder  Trikotwerbung mehr, jeder Spieler lässt sich seine Sponsoren einfach direkt in die Haut einritzen und schon gibt's auch keine Streitigkeiten mehr, wie lange der Werbevertrag laufen soll. Aber ob nun Teletubbies oder "I love Mum", auch daran habe ich mich mittlerweile irgendwie gewöhnt.

Was mich aber nach wie vor in Staunen versetzt ist das in letzter Zeit sich mehrende Auftreten überdimensionierter Ohrverschönerungen. Obgleich auch einige Europäer es mit dem Nichtkleidungsornat ziemlich übertreiben...als erstes fielen mir da doch immer diese Südseevölker ein, die sich mit Vorliebe Tonscheiben in die Unterlippe...oder auch diese an Giraffenhälse erinnernenden durch Metallringe gestreckten Kopf-Schulter-Verbindungen. Ich habe mir mal sagen lassen, dass die Halswirbel irgendwann so schwach sind, dass es die Ringe braucht, damit den Frauen der Kopf nicht dauerndvom Hals auf die Brust fällt. Was man dort noch als Brauchtum und fremden Kulturkreis entschuldigt, wirkt nach Europa transferiert, als hätten sich die Leute ihre Radfelgen fälschlicherweise in die Ohren gedübelt. Dass der Ohrschmuck teilweise monströse Formen annimmt ist nichts Neues, nur war das bisher immer unterhalb des Ohrläppchens der Fall. Ich erinnere nur an die Modelle "Riesenreifen", bei denen man dachte, dass die jeweilige Dame sich diese wenn nötig lässig über den Kopf stülpen könne oder, auch sehr schön, "Esstischkronleuchter", bei dem ich mich immer gefragt habe, ob die eigentlich durch Kerzen erweiterbar sind.

Aber zurück zum neuesten Trend. Diese neuen Dinger begnügen sich nun nicht mehr damit, unterhalb des Ohres auszuufern, nein, sie sparen sich diesen Umweg und werden gleich im Ohrläppchen riesig. Allerdings scheint es da auch je nach Geschmack verschiedene Größen zu geben. Fragt sich nur noch, ob der Träger das nach eigenem Gutdünken entscheiden darf, oder, was ich ebenfalls für plausibel halte, eine gewisse Hierarchie innerhalb dieses erlesenen Zirkels (man beachte das Wortspiel) herrscht. Je nach Verdienst um die gemeinsame Sache entschiede sich dann, wie groß die jeweilige Radfelge ausfallen darf. Zugleich ist so gesichert, dass die Jünger untereinander die Rangfolge erkennen können. Je nach dem, ob das Gegenüber einem über- oder untergeordnet ist, besitzt es größere oder kleinere Ohrreifen als man selbst. Ja, das wird es sein: Ein erlauchter Geheimbund, der sich anschickt, alle Körperaccessoirs nur noch in absurder Größe zur Verfügung zu stellen. Damit man es auch ja nicht übersieht.

Nun ja wie dem auch sei, ob zufälliger Modetrend oder Ohrringilluminati, mir bleibt letztlich nur die Frage offen, was passiert, wenn die Leute eines Tages einen neuen Körperkult pflegen möchten. Ein einfacher Ohrring, egal wie pompös er außerhalb des Ohrs wird, hinterlässt kaum mehr als ein unscheinbares Loch, das nach ein paar Jahren wieder zuwächst. Was aber geschieht mit diesen Affenschaukeln in den Ohren? Da sieht Prinz Charles dann doch ganz annehmlich aus...Vielleicht hätte der eine oder andere gut daran getan, einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, bevor er mit wehenden Fahnen zum Körperkünstler um die Ecke ging. In Zukunft wird es jedenfalls etwas Anderes sein, das im freien Spiel des Windes weht.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Die mysteriöse Kraft im Bundestag


Eine äußerst merkwürdige Geschichte ist das. Da befindet man sich noch im EM-Taumel und keiner ahnt etwas Böses und dann kommt man zurück und erfährt, dass nun auch mit staatlicher Unterstützung der eigene Datensatz in alle Winde verstreut wird. Danke, könnte man sagen: Das, was ich mit facebook und Co.aus eigener Kraft schon betreibe, das wird jetzt staatlich gefördert. Vielen Dank! Da soll sich noch mal einer beschweren, dass die Politik kein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihres Stimmviehs hätte. Nein, haben sich da unsere Damen und Herren der Politik gedacht, machen wir unseren Bürgern doch eine Freude, noch besser, wir machen eine Überraschung daraus. Wenn sie dann, frohen Mutes oder vielleicht auch niedergeschlagen vom Ergebnis der Nationalelf in den Alltag zurückkehren, dann finden sie quasi ein gemachtes Bett vor.

Aber nein, das wäre nicht fair, so etwas von unseren Damen und Herren Politikern zu denken, wenn man ihre Äußerungen hört, könnte man eher auf den Gedanken kommen, dass sie genauso überrascht vor vollendete Tatsachen gestellt waren wie wir Ottonormalverbraucher. Da hat man sich leidlich mit einer Lösung zum Besuch oder Nichtbesuch des einzigen Feindes der Menschenrechte in Europa arrangiert. Und dann wendet man sich wieder anderen Themen politischer Brisanz zu und merkt, dass hinter dem eigenen Rücken jemand (Ja, wer denn eigentlich?) einfach so eine Veränderung des Melderechts durch den Bundestag gewunken hat... Wir von der Opposition? Nein, da haben wir bestimmt nicht zugestimmt! Wir von der Regierung? Nein, also sowas, wir kämen nie auf die Idee! Interessant. Es muss also eine mysteriöse dritte Fraktion gegeben haben, die, klammheimlich, wenn keiner hinsieht, Entscheidungen trifft und zwar genau dann, wenn es unangenehm wird. Ja, eine wirklich interessante These. Mir bleibt an dieser Stelle nur, mir wieder einmal vor die Stirn zu schlagen und darauf zu bauen, dass in Zukunft diese merkwürdige, geheime Kraft ein Einsehen mit uns und den armen Politikern hat, die halt auch nicht immer ihre Augen überall haben können. Schon gar nicht im Bundestag. Ihnen bleibt zu wünschen, dass sie in Zukunft Zeit finden, den Sitzungsplan etwas genauer zu studieren.

Freitag, 1. Juni 2012

Ist die Kapselszene in „Matrix“ ein Teil der realen oder der Scheinwelt?


Dieser Text ist aufgrund eines Gedankenspiels, zu dem uns einer unserer Philosophiedozenten aufgefordert hat, enstanden. Wie die Überschrift vermuten lässt, geht es um den Spielfilm „Matrix“, der wohl schon den einen oder anderen Philosophie-Interessierten beschäftigt hat. Der theoretische Hintergrund ist nach wie vor Descartes' Dualismus von Körper und Geist.

Eine kurze Erklärung für die, die den Film nicht mehr genau in Erinnerung haben und für die, die ihn überhaupt nicht kennen: Der Protagonist Neo, der bis dahin ohne sein Wissen in der von Maschinen erschaffenen virtuellen Welt der Matrix gelebt hat, wird von Morpheus, der sich sowohl in dieser virtuellen Welt als auch in der Welt außerhalb der Matrix bewegt, vor die Wahl gestellt, ob er ebenfalls den Schritt aus der Matrix heraus unternehmen will. Das Treffen zwischen beiden findet innerhalb der Matrix, in einem verlassenen mehrstöckigen Haus statt. Morpheus und Neo sitzen sich in einem Raum in zwei Ledersesseln gegenüber. Morpheus hat zwei Kapseln bei sich, von denen die rote Neo den Weg aus der Matrix ebnet, die blaue hingegen seine Erinnerungen an das Zusammentreffen löscht. Neo entscheidet sich für die rote Kapsel.

Der Dialog zwischen Morpheus und Neo im verlassenen Haus gehört zweifellos zu den Schlüsselszenen des Films, in der sich für Neo bestätigt, dass seine Zweifel an seiner Welt nicht grundlose Paranoia, sondern berechtigt sind. Morpheus, bezeichnenderweise sowohl mit dem Namen des griechischen Gottes des Traumes, als auch mit seiner Insignie, einer Kapsel, ausgestattet, bietet Neo die „Wahrheit“ an. Die Wahrheit bedeutet hier, dass er in einer Scheinwelt gelebt hat, die als Gefängnis seines Verstandes dient.
 Auf die Frage, ob dieser Moment nun zur realen oder zur Scheinwelt des Films gehört, würde ich antworten, dass er in gewisser Weise zu beidem gehört. Das Haus und auch das Zimmer sind, wie Morpheus sagt, Teil der Matrix, die eine traumähnliche, virtuelle Welt darstellt, in der die Menschen vom Aufwachen abgehalten werden. Auch das Aussehen der Protagonisten gehört, wie sich später herausstellt, zu den Illusionen, die diese Welt erzeugt. Selbst die Kapseln, zwischen denen Neo wählen soll, sind höchstwahrscheinlich nur Schein. Zusammenfassend träumt Neo, er sitze mit Morpheus in zwei roten Ledersesseln, um zwischen Matrix und „echter“ Welt zu wählen. Was aber in meinen Augen etwas Anderes darstellt, ist Neos Entscheidung die rote Kapsel zu schlucken. Weniger der Akt des Kapselschluckens, der ja geträumt ist, als viel mehr die Entscheidung selbst, die im Nachhinein zum Aufwachen Neos führt. Ich denke, dieser Willensakt kann nicht von der ihn umgebenden Matrix stammen, weil er in direkter Linie dem Ziel der Matrix, die Menschen sediert zu halten, widerspricht und im Film sieht es so aus, als ob Neo danach in der realen Welt aufwacht. Sicher kann man sich da natürlich nicht sein, es könnte sich auch um einen geschickten Auffangmechanismus für Skeptiker handeln.

Descartes würde an dieser Stelle vermutlich zustimmen und darüber hinaus noch einwenden können, dass Neo, hätte er gründlicher nachgedacht, nur sicher wäre, dass er selbst existiert, insofern er an der Matrix zweifelt. Morpheus und die umgebende Welt könnten eine Täuschung der Matrix sein. Die Matrix , die ja in gewisser Weise die Rolle des deus malignus übernimmt, könnte ihm freilich auch die Entscheidung und vor allem den erfolgreichen Austritt aus der Matrix nur vorgegaukelt haben, während er in Wirklichkeit nur in eine „zweite“ Stufe der Matrix gewechselt ist. Insofern wäre die Täuschung der Matrix natürlich noch wirkungsvoller, weil Neo vermeintlich befreit, wohl wenig Zweifel an seiner neuen Welt hegen würde.
Mir scheint sich die Frage gerade in die Richtung zu verschieben, wie viele Scheinwelten es tatsächlich gibt. Die Existenz einer realen Welt würde ich zumindest deswegen voraussetzen, weil nach meinem Verständnis jede virtuelle bzw. geträumte oder erdachte Welt einen Ursprung braucht. Damit ist freilich noch nicht gesagt, dass die Welt, in der Neo nach der Kapselszene aufwacht, diese sein muss. Tatsächlich können wir ja sogar festhalten, dass sie der Ursprung nicht sein kann, weil sie lediglich die fiktionale Welt eines Drehbuchs ist.

Ich würde mich aber abgesehen von solchen weiterführenden Überlegungen weiterhin dafür entscheiden, mit einem „beides“ zu antworten. Das konkrete Aussehen der Kapselszene gehört zur Scheinwelt, die die Protagonisten durchschreiten, was aber Teil der realen Welt ist, ist Neos sich bestärkende Zweifel an der Matrix und schließlich seine Entscheidung, aus der Matrix heraustreten zu wollen, unabhängig davon, wie erfolgreich seine Bestrebungen nun gewesen sein mögen.