Freitag, 29. März 2013

Das Wort

Da saß er wieder einmal an seinem Pult, die Feder in der Hand, aber die Worte, sie wollten nicht kommen. Er hatte sie gebeten, sie hatten sich nicht gezeigt. Er hatte sie ignoriert, doch waren sie darin besser gewesen als er. Schließlich hatte er sie mit aller Gewalt auf's Papier zu bringen versucht, doch sie sträubten sich erfolgreich dagegen. Und so saß er wieder untätig vor einem neuen Bogen, nachdem er wegen der Wut über die eigene Unfähigkeit bereits mehrere Blätter zerknüllt und gegen die Wand geworfen hatte. Ein kleiner Haufen lag ihm nun gegenüber und grinste ihn höhnisch an. Natürlich konnte ein Haufen Altpapier, der vielleicht noch allenfalls als Schneeballersatz seinen Zweck haben mochte, nicht höhnisch grinsen, es war eher das Weiß, schneeweiß. So wie dieser aussah, wenn er sich gerade aus der Luft auf einen Zweig niedergesenkt hatte. Keine erkennbare Verunreinigung, keine Spur menschlichen Schaffens. Und genau das war es, was ihn zur Weißglut trieb. Wenn er wenigstens einen Strich auf den Blättern hinterlassen hätte. Ein rigoroser Schlussstrich quer durch die unbeholfenen Versuche, die Worte auf's Papier zu bringen, die nicht kommen wollten – nein, sie kamen nicht, wenn man sie rief. Dafür umso öfter, wenn man sie brauchte. Dann waren sie plötzlich da, kitzelten einen im Ohr und zauberten mit ihrer Wörterwärme ein Lächeln auf so manches Gesicht, tanzten einem vor den Augen so wild und zahlreich, das man sich fragen mochte, ob man überhaupt in der Lage sein würde, sie in Ordnung zu bringen. Vielmehr lief man Gefahr, von ihnen fortgerissen zu werden in einen euphorischen Taumel, der einem selbst, solange er anhielt, wie Sekunden erscheinen mochte, im Nachhinein sich aber als Stunden herausstellte, von dem andere aber nicht die leiseste Ahnung bekamen. Gesetzt den Fall, dass sie nicht diesem jemand höchst selbst auf der Nasenspitze herumtanzten.

Wörter kannten keine Zurückhaltung, egal wer sie, wo auch immer und wann auch immer äußerte. Sobald sie von der Zunge gesprungen waren, hielt sie niemand mehr auf, eigentlich war es auch schon auf der Zunge zu spät, wenn man es recht bedachte. Dort genügte ein unbedachtes Luftholen, denn sobald sie die Möglichkeit erkannten, nutzten Worte sie gleich. Nein, ihre Handhabung war nicht einfach, ganz zu schweigen von dem Versuch, sie auf eine feste Unterlage zu bannen. Sie liebten es nicht, denn eigentlich war ihnen das freie Schweben im Raum, die Sekunden und Sekundenbruchteile von plötzlicher Energie in denen sie sich drehten und wendeten, um dann erneut spurlos zu verschwinden, der liebste Raum. Ihnen fehlte auf dem Papier der warme Atem, der sie anbließ und ihnen die Kraft verlieh, bis in die höchsten Höhen aufzusteigen. Schnell umschmeichelten sie dann das Ohr eines anderen, wisperten leis' hinein oder traten sanft aber bestimmt auf, hin und wieder sogar, wenn sie besonders übermütig waren, nahmen sie ihre ganze Wucht zusammen und dröhnten im Kopf des Hörers, das er meinte, sich vor ihnen verschließen zu müssen. Doch das gelang nie wirklich gut. Wörter waren nicht dafür bekannt, trotz ihres heimlichen Daseins und nur plötzlichen Auftretens im Mittelpunkt, sich, wenn sie sich einmal den Weg gewählt hatten, von ihm abzuweichen. Oh, und nie nahmen sie etwas zurück, man konnte ihnen so viele weitere nachsenden wie man wollte, wenn sich dafür überhaupt welche hergaben. Die ersten die auftraten, hinterließen immer den bleibendsten Eindruck. Deswegen war es ja auch so wichtig, sie, wenn sie sich einem schon anboten, alle aufzunehmen und dann sorgfältig auszuwählen, welche man wann und wo wieder frei ließ.

All darüber dachte er so nach, während er mit erstarrter Miene und erstarrtem Schreibutensil an seinem Pulte saß. Er hatte wieder einmal umsonst gewartet. Er blickte noch einmal auf das immer noch weiße Blatt Papier vor ihm. Die so frohgemut ergriffene Feder, die nun nutzlos Zentimeter über ihrem Ziel verharrte. Er war gewissermaßen dem Schreiben so nah, wie man ihm nur sein konnte, ohne tatsächlich zu schreiben. Und doch hielt ihn eine unsichtbare, nicht zu durchbrechende Wand zurück. Er drückte unwirsch mit Daumen und Zeigefinger seiner Schreibhand gegen den Griff des Füllers. So kräftig, dass aus seinen Fingern schon das Blut wich und sie weiß wurden. Schon wieder weiß! Wie konnte eine so nichtssagende Farbe solche Wut hervorrufen? Entfernter konnte man dem Ausdruck nicht sein... Nichtssagend! Das war es, weiß war keine Farbe, um mit ihr zu sprechen. Unschuld und Reinheit haben nichts mit dem Sprechen gemein. Sprechen farbenfroh, war bunt, bei manchem auch schmutzig, aber nie war es so steril wie ein weißes Blatt Papier. Nur wer nicht zu sprechen wusste, dessen Blatt blieb weiß. Habe ich denn zu sprechen verlernt?! Bin ich nicht deswegen überhaupt hier her getreten? Warum sollte ich Stift und Papier, seit Alters her die zweitliebste Form der Kommunikation ergreifen, wenn nicht um damit zu sprechen? Also, ihr vermaledeiten Wörter kommt! Ich habe alles getan, was ich kann, damit ihr mich einmal wieder besucht. Was habe ich euch getan, dass ihr mich meidet? Dann, ganz langsam, er bemerkte es zunächst nicht, sammelte sich ein wenig Tinte an der frisch geprüften Feder. Langsam wurde es mehr bis ein einzelner Tropfen tief blau sich bereit machte, von der Spitze sich zu lösen. Ein seltsamer Lichtreflex erregte die Aufmerksamkeit des Schreibers. Gerade als er sich diesem zuwandte, hüpfte der Tropfen. Nur einer. Der Schreiber hielt den Atem an. Und mit einem nahezu ohrenbetäubenden Krachen traf die Tinte das Papier, um sich in rasender Geschwindigkeit darauf auszubreiten.

Winzige Äderchen bläulichen Lebens suchten sich einen Weg durch das faserige Material der Zellulose. Vor den ungläubigen Augen des Betrachters gab das Papier nach und wie auf einem See, in den man einen Stein wirft, strebten Wellen dem Rand des Blattes zu. Tiefes Blau breitete sich aus nur um kurz darauf abgelöst zu werden von schnell wechselnden Bildern, sodass das Papier zum Kaleidoskop noch nicht gekannter Welten wurde. Dort lag ein großer See, sodass der Schreibende zunächst noch glaubte, bloß Tinte zu schauen und sich noch fragte, wie ein einzelner Tropfen solche Ausmaße annehmen konnte. Doch dann war da ein fahles, klares Licht im Blau. Ein Mond. Er erhellte das Blau des Himmels, sodass man dessen Bläue erahnen konnte, während das darunter liegende Gewässer, so schwarz wie die tiefsten Tiefen des Kosmos wirkte. Und noch während dieser Gedanke im Kopf des die Feder Haltenden Gestalt annahm, zeigten sich auf der Oberfläche nun kleine Lichter diffus zunächst, doch dann immer konturierter. Sie schlossen sich zu Gruppen zusammen, mochten wohl Galaxien und Nebel bilden. Dann verloren sie sich in neuerlichem Nebel, der ihre Helligkeit zunächst schwächte und dann gänzlich verschluckte.

Aus ihm schälte sich eine junge Sonne, beschien eine Wiese umgeben von Bäumen und im Hintergrund ein Bauwerk, dessen Konturen, vom Nebel umfangen, doch schließlich deutlich erkennbar in die Höhe ragten. Wieder veränderte sich das Bild und weit oberhalb der Erde fand sich der Betrachter nun wieder, sacht' glitt er geradeaus, schraubte sich mal tiefer, mal höher und um sich selbst, schwebte zwischen Wolken hindurch, die die unwahrscheinlichsten Gestalten formten. Dann ein Gesicht, das mit leuchtenden Augen und einem breiten Lächeln vom Blatt zum Schreiber aufblickte. Es drehte sich zur Seite und neben seinem Profil erschien ein zweites, ihm zugewandtes Gesicht, das ebenfalls lächelte. Sie verfielen in ein lautloses Gespräch. Während sie sprachen entfernten sich die Gesichter von ihrem Zuschauer, sodass ihre Umgebung ins Auge fiel. In einer gemütlichen kleinen Stube saßen sie an einem Tisch und zwischen ihnen lag ein Blatt Papier. Weiß zunächst, doch dann ergriff die eine Gestalt einen Stift, um mit wenigen, leichten Strichen Wörter auf dem vormals unbeachteten Bogen auftauchen zu lassen. Mit einer einladenden Geste schob die erste der zweiten Gestalt das Blatt zu und hielt auffordernd den Stift von sich gestreckt. Da ergriff die zweite der ersten Hand. Gerade setzte sie mit sinnender Miene die Feder auf das Papier als das Bild sich noch einmal veränderte: Nun war das Blatt zu sehen und in klarer, fast zierlicher Schrift standen dort die Worte der ersten Gestalt: „Mit diesen Worten beginnt die Geschichte...“

 Widerwillig, zwischen unbändiger Vorfreude auf das Kommende und Trauer über das Vorübergehen zerrissen, löste sich der Schreiber aus der sanften Umarmung der Worte. „Danke“, flüsterte er.

Montag, 25. Februar 2013

Der Kirchenlehrling

Um auch hier einmal wieder Spuren hinterlassen zu haben und aus aktuellem Anlass hier ein neuerlich lyrisches Unterfangen.
Obwohl im Zusammenhang mit Glaube, Gott und Kirche sich eigentlich verbietet, von einem „aktuellen Anlass“ sprechen zu wollen (Ist doch dieses Dreigestirn zu allen Zeiten aktueller Anlass wofür auch immer gewesen), habe ich es doch mit einem solchen zu tun. Aufgrund eines weiteren Praktikums an einem niedersächsischen Gymnasium und der heutigen Hospitation bin ich auf die folgenden Gedanken gekommen.
Ein Philosophie-Kurs war gehalten, das Semesterthema „Gott – eine gute Idee?“ anhand
einer Parodie Revue passieren zu lassen. Das habe ich mir zum Anlass genommen, ebenfalls
eine, wenn man dieses hier so nennen kann, Parodie zu schreiben. In meinem Fall stützt sie sich auf die Textstruktur des „Zauberlehrlings“ von Goethe, dessen Originalstrophen ich hier der Vollständigkeit halber in Klammern beigefügt habe. Wer noch mehr in dieser Sache lesen will, und ich kann es nur empfehlen, gerade, wen es eher nach etwas Zeitgenössischem gelüstet, der sei darauf verwiesen, die in den nächsten Tagen erscheinenden Ergebnisse auf http://muck-rakers.blogspot.de/ nachzulesen.
Nun aber erst mal zu meinem „Der Kirchenlehrling“:

(Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu' ich Wunder auch.)

Hat der alte Gott, der Meister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Schäfchen
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort' und Werke
merkt' ich und den Brauch,
und mit Fanalsstärke
tu' ich Wunder auch.

(Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.)

Folge! Folge manche Strecke,
dass zum Zwecke,
Gelder fließ'n
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Prunke sich ergieß'n.

(Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!)

Und nun komm, du alter Krieger!
Behalt die schlecht'n Lumpenhüll'n;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Knien flehe,
oben sei kein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Klingeltopf!

(Walle! Walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.)

Folge! Folge manche Strecke,
dass zum Schrecken Blut auch fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

(Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! Ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!)

Seht, er läuft zur Kirche bieder,
Wahrlich! Ist schon an dem Stuhle,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Fluche.
Schon zum zweiten Male!
Wie die Kasse schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Tränen füllt!

(Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!)

Stehe! Stehe!
Denn wir haben
deiner Gräuel
vollgemessen! -
Ach, wir merken's! Wehe! Wehe!
Ham' wir doch das Wort vergessen!

(Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.)

Ach, das Wort, worauf am Ende
der Glaub' wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Hätt'st du doch das alte Wesen!
Immer neue Kriege
bringt er schnell herein,
Ach! Und hundert Fliegen
stürzen auf uns ein.

(Nein, nicht länger
kann ich's lassen;
will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!)

Nein, nicht länger
könn' wir's lassen;
woll'n ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! Nun wird uns immer bänger!
Welche Miene! Welche Blicke!

(O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh' ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!)

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus verruchen?
Hör'n wir schon an jeder Schwelle
doch die Atheisten fluchen.
Ein verflachter Glaube
der nicht lernen will!
Halt, der du gewesen,
sei's doch wieder, still!

(Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behände
mit dem scharfen Beile spalten.)

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Woll'n dich fassen,
woll'n dich halten
und das alte Beil behände
mit dem scharfen Worte spalten.

(Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!)

Seht, da kommt es tropfend wieder!
Wie wir uns nur auf dich werf'n,
gleich, oh Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft des Geistes Schärfe
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun könn' wir hoffen,
und man atmet frei!

(Wehe! wehe!
Beide Teile
steh'n in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!)

Wehe! Wehe!
Beide Teile
steh'n in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft uns, ach! Ihr hohen Mächte!

(Und sie laufen! Naß und nässer
wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd' ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen, Besen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“)

Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! Hör uns rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die wir rief', die Geister
werd'n wir nun nicht los.
„In die Ecke,
Wesen, Wesen!
Seid's gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu diesem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.“

Sonntag, 25. November 2012

Es wird kalt

Es war kalt, soviel ließ sich mit Sicherheit sagen. Grau war es, ja, auch das ließ sich schlecht leugnen. Es regnete zwar nicht, aber der Niederschlag zeichnete sich dafür umso deutlicher auf den Gesichtern der Passanten ab. Die plötzliche Unbeweglichkeit stand in krassem Gegensatz zu deren Eile. Schlichte Unbeweglichkeit. Monotone Starre. Unumstößliche Ruhe. Ein tiefer Atemzug in morgendlicher Atemlosigkeit. Niemand wollte verweilen, obgleich sie die einzig einladende Geste in dieser Unwirtlichkeit war. Noch dazu war es früh und jeder versuchte, so wenig Zeit wie irgendmöglich draußen zu verbringen. Jeder hastete von einem beheizten Raum zum nächsten. Sie aber nicht. Sie stand dort. Bereits seit zwei Stunden, ja, kaum dass die Sonne hinter der Wolkendecke zu erahnen war, konnte man ihre Umrisse dort wahrnehmen. Das Podest schmucklos. Dort an dem ewig gleichen Platz. Keine Inschrift, die zum verweilen einlud. Zwischen angespannten Mienen, allein ihre Züge ebenmäßig und glatt mit einem goldenen Schein darauf. Das Einzige, was an Wärme erinnert in dieser diesigen Luft. Noch ein Atemzug voll kühler Luft füllte die Lungen. Unbeteiligt starrte sie geradeaus. Keiner schien sie wahrzunehmen, so wie sie niemanden eines Blickes würdigte. Und dann doch eine Bewegung: Eine einzelne Münze, die so scheint es, laut durch die Luft wirbelt, bevor sie in einem Hut landet. Und dann bewegt auch sie sich. Eine fließende Bewegung, die man zuvor nicht für möglich gehalten hat. Eine Verbeugung und ein höflich gehobener Hut. Eine ebenso elegante Bewegung und der Körper erstarrt wieder. Der Blick wird starr. Die lebende Statue entschwindet aus der Welt der Lebenden. Ein Denkmal schlichter Unbeweglichkeit bis jemand von ihr Notiz nimmt. An diesem Morgen, an dem keiner draußen sein will. Es wird kalt.

Dienstag, 18. September 2012

Lehrer - Ein Drama in drei Aufzügen

Es ist schon seltsam, was einen manchmal so packt und gedanklich festhält. Jedenfalls bemühe ich mich immer noch, vollends auszuloten, wie tief die Verwandschaft von Autofahren und Lehrerdasein geht.

Seit einigen Tagen mache ich ein Praktikum an einem niedersächsischen Gymnasium und neben einer Menge neuer Eindrücke hat sich vor allem dieser Vergleich eingeprägt, von dem ich bisher glaube, dass er den Weg eines Lehramtsstudenten recht treffend beschreibt. Oder schränken wir es ein wenig ein: Meinen Weg.

Es ist Abend und wir befinden uns, was für manchen ein Novum darstellen mag, in einem Theater. Die typische Stimmung vor dem Beginn eines Stückes herrscht. Die Zuschauer sind damit beschäftigt, ihre Plätze zu finden: "Entschuldigen Sie bitte, ich müsste hier durch! Dankeschön" "He, mein Kleid!" "Pardon."... "Ach Gott, Hermann, ich habe Dir doch gesagt, dass wir uns hier auf der falschen Seite befinden! Auf der Karte steht ganz eindeutig: links!" "Dein Links oder mein Links?". Sie tauschen sich über Gerüchte die Inszenierung betreffend aus oder über Alltägliches: "Nein, nein ich habe gehört, dass heute mal keine Nackten zu sehen sein sollen", "Na, immerhin." Dann wird das Licht über dem Publikum gedimmt und im Auditorium kehrt gespannte Ruhe ein. Die Scheinwerfer leuchten auf und lassen die Bühne erstrahlen. Das obligatorische Husten eines Zuschauers zerreißt die Stille, dann geht der Vorhang auf.

Erster Aufzug: Der Ort: Eine Autobahn oder Landstraße. Darauf mehrere Fahrzeuge. Der Blick in eines der Autos ist frei. Hinter der Fahrerin/dem Fahrer (nicht Zutreffendes bitte ausstreichen)  sitzt auf der Rückbank, wie es sich bis zu einer gewissen Körpergröße gehört, ein Junge und ist, wie so oft weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Dieser Junge hat, und da stünde ihm ein Mädchen in nichts nach, zwei Möglichkeiten, sich die Zeit während der Fahrt zu vertreiben: Entweder blickt er, wie wohl die meisten, zur Seite hinaus oder in ein Buch (möglich) oder sogar auf einen Bildschirm (zunehmend wahrscheinlich). Wählt er diesen Weg, ist die Geschichte vorerst erzählt, gesetzt den Fall, man möchte sich an dieser Stelle nicht darüber auslassen, was es über eine Gesellschaft aussagt, wenn das gesamte Leben durch Elektronik, so scheint es, bestimmt wird. Fußnote: Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie, die die These beweist, es handele sich bei Iphone und Co. weniger um eine Gegenstandsbezeichnung, als viel mehr um eine Beschreibung einer auffälligen Verhaltensänderung (Manche mögen sogar sagen: Verhaltensstörung), stehen noch aus.
Doch soll solches hier nicht Gegenstand sein.

Zurück zu unserem Jungen: Stellen wir uns weiterhin vor, nach seiner Verortung in einem sich mit konstanter Geschwindigkeit fortbewegenden, vierrädrigen Vehikel, das vermittels der Kraft bereits seit Jahrmillionen verstorbenen, organischen Materials seinen Weg nimmt, und der danach getroffenen Feststellung, er habe sich trotz aller von dieser ausgehenden Versuchung gegen die schnöde, immer elektronischer und immer flacher werdende Unterhaltung durch Smartphones, tragbare Konsolen, usw. , aber auch gegen die seit Jahren unpopulärer werdende Ergötzung entschieden, die sich vor allem jene auf Zellulose und darauf aufgetragene Farbpigmente gestützte Folianten zu suggerieren sich herausnehmen, so bleibt schließlich nur eine Möglichkeit übrig, die zu wählen der Junge in der Lage sich befindet: Er blickt zur Windschutzscheibe hinaus. Setzen wir darüber hinaus voraus, dass an diesem Tage gutes Wetter und nicht allzu viel Verkehr herrscht, so ließe sich denken, der Junge habe einen recht guten Ausblick auf die vor ihm liegende Wegstrecke. Sind wir so frei, und gestehen diesem Jungen, dem bereits erwähnten Mädchen mag das auch geschehen, die entsprechende Menge Grips zu, die es erfordert, die metaphorische Kraft dieser Aussicht zu erkennen, so haben wir in etwa die Situation, in der ich mich in Rückschau auf mein früheres Selbst gerade befinde: Der Junge sitzt auf der Rückbank des Wagens angeschnallt, hat also keinen Einfluss darauf, wohin es geht. Aber er kann sich ein Bild davon machen, wohin der Fahrer will, den er im Übrigen auch gut beobachten kann. Und zum ersten Mal mag sich dieser Junge darüber Gedanken machen, ob ihm das Ziel zusagt. Achtung: Erste Stufe des Vergleichs:
Der Junge ist also gewissermaßen Schüler, der dem Lehrer, also dem Fahrer des Wagens, dabei zusieht, wie dieser jenen zum Ziel fährt/führt. Vorhang.

Szenenwechsel: Das Auto, das wir zuvor gesehen haben, hat sich verändert. Ob es nur in die Jahre gekommen, oder durch ein neueres und moderneres Modell ersetzt worden ist, wie es immer wieder der Fall ist (Gerade im Bildungswesen!) bleibt der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Die alte Straße dürfte mittlerweile mindestens vierspurig ausgebaut sein. Auch Fahrer und Junge haben sich verändert: Nach Erreichen der dafür geforderten Körpergröße, hat der Schüler den Platz auf der Rückbank gegen den auf dem Beifahrersitz eingetauscht. Wohl hat der Fahrer auch so viel Vertrauen zu seinem Fahrgast gefasst, dass er nicht fürchtet, dieser könnte ihm urplötzlich in Gangschaltung oder gar Lenkrad greifen wollen. Wie dem auch sei, der Blickwinkel des Jungen hat sich verändert, ja, das zuvor vielleicht nur vage empfundene Gefühl, selbst einmal den Weg  bestimmen zu wollen, ist zu einem nicht zu leugnenden Wunsch und Ziel dieses Jungen geworden. Im günstigsten Falle handelt es sich um einen begnadeten Fahrer, der bereit und in der Lage ist, die Fragen des Jungen zur Führung des Wagens zu beantworten. Der Austausch zwischen Fahrer und Beifahrer, die sich neben dem Ziel ihrer Fahrt auch schon über den Weg und die Form der Fortbewegung unterhalten, dominiert die Szene. Ja, es mag sogar geschehen, dass während einer kurzen Pause, um sich die Beine zu vertreten, der Fahrer dem Beifahrer anbietet, selbst für eine kurze Strecke das Steuer zu übernehmen. Ermuntert durch die Aufforderung wird der Junge vielleicht sogar die Chance ergreifen und sich am Lenkrad probieren  Zweite Stufe des Vergleichs: Ein neugieriger und zugegebenermaßen auch etwas aufgeregter Praktikant, der Junge, sitzt mehrere Male auf dem Beifahrersitz und versucht, so viel wie möglich aus dem Wegstück mitzunehmen, das er da vom Fahrer präsentiert bekommt. Seine Mimik verrät dem aufmerksamen Zuschauer, dass es ihm hin und wieder in den Fingern juckt, den Fahrersitz einzunehmen. Vorhang.

Szenenwechsel: Ein letztes Mal hebt sich der Vorhang. War noch wahrscheinlich, dass in der zweiten Szene ein Auto zur Fortbewegung dient, so wird es sich im letzten Aufzug wohl um irgendetwas abgefahren Futuristisches handeln. Damit ist auch nicht mehr sicher, ob eine Autobahn, respektive Landstraße den Rahmen der Szene bildet. Aber wir sehen wieder den Jungen, wenngleich älter. Er sitzt am Steuer dieses Wunderwerks der Technik und ein Lächeln umspielt seine Lippen, wenn er beim Blick in den Rückspiegel den wachen Blick eines seiner Mitfahrer auf der Rückbank zur Frontscheibe hinaus erkennt. Der Vorhang fällt. Das Licht geht aus.

Applaus.

Hausaufgabe:
1. Erklären Sie, warum der Autor die letzte Stufe des Vergleichs nicht ausformuliert hat.
2. Lesen Sie sich die Szenen noch einmal durch, und entwerfen Sie bis zum nächsten Blogbesuch einen möglichen Dialog zwischen Fahrer und dem Jungen.

Viel Erfolg!

Samstag, 4. August 2012

Übertriebene Großohrigkeit

Nein, das hier ist kein Kommentar zur stiefmütterlichen Naturanlage, die ein gewisser Prinz Charles dieser Tage zu Olympia wieder häufiger zur Schau stellt. Es geht vielmehr um etwas, das mir immer wieder begegnet und bei dem ich mich immer wieder frage, wie man auf die Idee kommen kann, sowas freiwillig mit sich anzustellen. Körperschmuck ist eine heikle Sache, die einen sind dafür die anderen dagegen, mir ist es weitgehend egal, was die Leute so mit ihren Körpern anstellen. Obwohl, hin und wieder ertappe ich mich dann doch beim (mentalen) Kopfschütteln.

Vor ein paar Jahren war Pearcing in und auch das nahm und nimmt teilweise bizarre Formen an. Doch gehören zum Glück bis auf einige wenige Ausnahmen die Leute mit mehr Blech im Gesicht als jeder normale Mensch für möglich halten sollte mittlerweile der Vergangenheit an. Tattoos sind der Dauerbrenner und sieht man sich die EM noch einmal genauer an, könnte man meinen, heute komme es neben spielerischem Können vor allem auf eine möglichst umfassende Kartierung der eigenen Haut an. Nicht ein Team dabei, dass nicht wenigstens einen Spieler dabei hatte, dessen Arme wie eine Plakatwand aussahen. Das ist eigentlich die Sponsoringmarktlücke: In Zukunft braucht es keine  Banden- oder  Trikotwerbung mehr, jeder Spieler lässt sich seine Sponsoren einfach direkt in die Haut einritzen und schon gibt's auch keine Streitigkeiten mehr, wie lange der Werbevertrag laufen soll. Aber ob nun Teletubbies oder "I love Mum", auch daran habe ich mich mittlerweile irgendwie gewöhnt.

Was mich aber nach wie vor in Staunen versetzt ist das in letzter Zeit sich mehrende Auftreten überdimensionierter Ohrverschönerungen. Obgleich auch einige Europäer es mit dem Nichtkleidungsornat ziemlich übertreiben...als erstes fielen mir da doch immer diese Südseevölker ein, die sich mit Vorliebe Tonscheiben in die Unterlippe...oder auch diese an Giraffenhälse erinnernenden durch Metallringe gestreckten Kopf-Schulter-Verbindungen. Ich habe mir mal sagen lassen, dass die Halswirbel irgendwann so schwach sind, dass es die Ringe braucht, damit den Frauen der Kopf nicht dauerndvom Hals auf die Brust fällt. Was man dort noch als Brauchtum und fremden Kulturkreis entschuldigt, wirkt nach Europa transferiert, als hätten sich die Leute ihre Radfelgen fälschlicherweise in die Ohren gedübelt. Dass der Ohrschmuck teilweise monströse Formen annimmt ist nichts Neues, nur war das bisher immer unterhalb des Ohrläppchens der Fall. Ich erinnere nur an die Modelle "Riesenreifen", bei denen man dachte, dass die jeweilige Dame sich diese wenn nötig lässig über den Kopf stülpen könne oder, auch sehr schön, "Esstischkronleuchter", bei dem ich mich immer gefragt habe, ob die eigentlich durch Kerzen erweiterbar sind.

Aber zurück zum neuesten Trend. Diese neuen Dinger begnügen sich nun nicht mehr damit, unterhalb des Ohres auszuufern, nein, sie sparen sich diesen Umweg und werden gleich im Ohrläppchen riesig. Allerdings scheint es da auch je nach Geschmack verschiedene Größen zu geben. Fragt sich nur noch, ob der Träger das nach eigenem Gutdünken entscheiden darf, oder, was ich ebenfalls für plausibel halte, eine gewisse Hierarchie innerhalb dieses erlesenen Zirkels (man beachte das Wortspiel) herrscht. Je nach Verdienst um die gemeinsame Sache entschiede sich dann, wie groß die jeweilige Radfelge ausfallen darf. Zugleich ist so gesichert, dass die Jünger untereinander die Rangfolge erkennen können. Je nach dem, ob das Gegenüber einem über- oder untergeordnet ist, besitzt es größere oder kleinere Ohrreifen als man selbst. Ja, das wird es sein: Ein erlauchter Geheimbund, der sich anschickt, alle Körperaccessoirs nur noch in absurder Größe zur Verfügung zu stellen. Damit man es auch ja nicht übersieht.

Nun ja wie dem auch sei, ob zufälliger Modetrend oder Ohrringilluminati, mir bleibt letztlich nur die Frage offen, was passiert, wenn die Leute eines Tages einen neuen Körperkult pflegen möchten. Ein einfacher Ohrring, egal wie pompös er außerhalb des Ohrs wird, hinterlässt kaum mehr als ein unscheinbares Loch, das nach ein paar Jahren wieder zuwächst. Was aber geschieht mit diesen Affenschaukeln in den Ohren? Da sieht Prinz Charles dann doch ganz annehmlich aus...Vielleicht hätte der eine oder andere gut daran getan, einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, bevor er mit wehenden Fahnen zum Körperkünstler um die Ecke ging. In Zukunft wird es jedenfalls etwas Anderes sein, das im freien Spiel des Windes weht.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Die mysteriöse Kraft im Bundestag


Eine äußerst merkwürdige Geschichte ist das. Da befindet man sich noch im EM-Taumel und keiner ahnt etwas Böses und dann kommt man zurück und erfährt, dass nun auch mit staatlicher Unterstützung der eigene Datensatz in alle Winde verstreut wird. Danke, könnte man sagen: Das, was ich mit facebook und Co.aus eigener Kraft schon betreibe, das wird jetzt staatlich gefördert. Vielen Dank! Da soll sich noch mal einer beschweren, dass die Politik kein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihres Stimmviehs hätte. Nein, haben sich da unsere Damen und Herren der Politik gedacht, machen wir unseren Bürgern doch eine Freude, noch besser, wir machen eine Überraschung daraus. Wenn sie dann, frohen Mutes oder vielleicht auch niedergeschlagen vom Ergebnis der Nationalelf in den Alltag zurückkehren, dann finden sie quasi ein gemachtes Bett vor.

Aber nein, das wäre nicht fair, so etwas von unseren Damen und Herren Politikern zu denken, wenn man ihre Äußerungen hört, könnte man eher auf den Gedanken kommen, dass sie genauso überrascht vor vollendete Tatsachen gestellt waren wie wir Ottonormalverbraucher. Da hat man sich leidlich mit einer Lösung zum Besuch oder Nichtbesuch des einzigen Feindes der Menschenrechte in Europa arrangiert. Und dann wendet man sich wieder anderen Themen politischer Brisanz zu und merkt, dass hinter dem eigenen Rücken jemand (Ja, wer denn eigentlich?) einfach so eine Veränderung des Melderechts durch den Bundestag gewunken hat... Wir von der Opposition? Nein, da haben wir bestimmt nicht zugestimmt! Wir von der Regierung? Nein, also sowas, wir kämen nie auf die Idee! Interessant. Es muss also eine mysteriöse dritte Fraktion gegeben haben, die, klammheimlich, wenn keiner hinsieht, Entscheidungen trifft und zwar genau dann, wenn es unangenehm wird. Ja, eine wirklich interessante These. Mir bleibt an dieser Stelle nur, mir wieder einmal vor die Stirn zu schlagen und darauf zu bauen, dass in Zukunft diese merkwürdige, geheime Kraft ein Einsehen mit uns und den armen Politikern hat, die halt auch nicht immer ihre Augen überall haben können. Schon gar nicht im Bundestag. Ihnen bleibt zu wünschen, dass sie in Zukunft Zeit finden, den Sitzungsplan etwas genauer zu studieren.

Freitag, 1. Juni 2012

Ist die Kapselszene in „Matrix“ ein Teil der realen oder der Scheinwelt?


Dieser Text ist aufgrund eines Gedankenspiels, zu dem uns einer unserer Philosophiedozenten aufgefordert hat, enstanden. Wie die Überschrift vermuten lässt, geht es um den Spielfilm „Matrix“, der wohl schon den einen oder anderen Philosophie-Interessierten beschäftigt hat. Der theoretische Hintergrund ist nach wie vor Descartes' Dualismus von Körper und Geist.

Eine kurze Erklärung für die, die den Film nicht mehr genau in Erinnerung haben und für die, die ihn überhaupt nicht kennen: Der Protagonist Neo, der bis dahin ohne sein Wissen in der von Maschinen erschaffenen virtuellen Welt der Matrix gelebt hat, wird von Morpheus, der sich sowohl in dieser virtuellen Welt als auch in der Welt außerhalb der Matrix bewegt, vor die Wahl gestellt, ob er ebenfalls den Schritt aus der Matrix heraus unternehmen will. Das Treffen zwischen beiden findet innerhalb der Matrix, in einem verlassenen mehrstöckigen Haus statt. Morpheus und Neo sitzen sich in einem Raum in zwei Ledersesseln gegenüber. Morpheus hat zwei Kapseln bei sich, von denen die rote Neo den Weg aus der Matrix ebnet, die blaue hingegen seine Erinnerungen an das Zusammentreffen löscht. Neo entscheidet sich für die rote Kapsel.

Der Dialog zwischen Morpheus und Neo im verlassenen Haus gehört zweifellos zu den Schlüsselszenen des Films, in der sich für Neo bestätigt, dass seine Zweifel an seiner Welt nicht grundlose Paranoia, sondern berechtigt sind. Morpheus, bezeichnenderweise sowohl mit dem Namen des griechischen Gottes des Traumes, als auch mit seiner Insignie, einer Kapsel, ausgestattet, bietet Neo die „Wahrheit“ an. Die Wahrheit bedeutet hier, dass er in einer Scheinwelt gelebt hat, die als Gefängnis seines Verstandes dient.
 Auf die Frage, ob dieser Moment nun zur realen oder zur Scheinwelt des Films gehört, würde ich antworten, dass er in gewisser Weise zu beidem gehört. Das Haus und auch das Zimmer sind, wie Morpheus sagt, Teil der Matrix, die eine traumähnliche, virtuelle Welt darstellt, in der die Menschen vom Aufwachen abgehalten werden. Auch das Aussehen der Protagonisten gehört, wie sich später herausstellt, zu den Illusionen, die diese Welt erzeugt. Selbst die Kapseln, zwischen denen Neo wählen soll, sind höchstwahrscheinlich nur Schein. Zusammenfassend träumt Neo, er sitze mit Morpheus in zwei roten Ledersesseln, um zwischen Matrix und „echter“ Welt zu wählen. Was aber in meinen Augen etwas Anderes darstellt, ist Neos Entscheidung die rote Kapsel zu schlucken. Weniger der Akt des Kapselschluckens, der ja geträumt ist, als viel mehr die Entscheidung selbst, die im Nachhinein zum Aufwachen Neos führt. Ich denke, dieser Willensakt kann nicht von der ihn umgebenden Matrix stammen, weil er in direkter Linie dem Ziel der Matrix, die Menschen sediert zu halten, widerspricht und im Film sieht es so aus, als ob Neo danach in der realen Welt aufwacht. Sicher kann man sich da natürlich nicht sein, es könnte sich auch um einen geschickten Auffangmechanismus für Skeptiker handeln.

Descartes würde an dieser Stelle vermutlich zustimmen und darüber hinaus noch einwenden können, dass Neo, hätte er gründlicher nachgedacht, nur sicher wäre, dass er selbst existiert, insofern er an der Matrix zweifelt. Morpheus und die umgebende Welt könnten eine Täuschung der Matrix sein. Die Matrix , die ja in gewisser Weise die Rolle des deus malignus übernimmt, könnte ihm freilich auch die Entscheidung und vor allem den erfolgreichen Austritt aus der Matrix nur vorgegaukelt haben, während er in Wirklichkeit nur in eine „zweite“ Stufe der Matrix gewechselt ist. Insofern wäre die Täuschung der Matrix natürlich noch wirkungsvoller, weil Neo vermeintlich befreit, wohl wenig Zweifel an seiner neuen Welt hegen würde.
Mir scheint sich die Frage gerade in die Richtung zu verschieben, wie viele Scheinwelten es tatsächlich gibt. Die Existenz einer realen Welt würde ich zumindest deswegen voraussetzen, weil nach meinem Verständnis jede virtuelle bzw. geträumte oder erdachte Welt einen Ursprung braucht. Damit ist freilich noch nicht gesagt, dass die Welt, in der Neo nach der Kapselszene aufwacht, diese sein muss. Tatsächlich können wir ja sogar festhalten, dass sie der Ursprung nicht sein kann, weil sie lediglich die fiktionale Welt eines Drehbuchs ist.

Ich würde mich aber abgesehen von solchen weiterführenden Überlegungen weiterhin dafür entscheiden, mit einem „beides“ zu antworten. Das konkrete Aussehen der Kapselszene gehört zur Scheinwelt, die die Protagonisten durchschreiten, was aber Teil der realen Welt ist, ist Neos sich bestärkende Zweifel an der Matrix und schließlich seine Entscheidung, aus der Matrix heraustreten zu wollen, unabhängig davon, wie erfolgreich seine Bestrebungen nun gewesen sein mögen.