Dienstag, 15. März 2011

Aus aktuellem Anlass

Ich sitze mitten in den Abiturvorbereitungen und nebenbei an einem kleinen Jubiläumstext zum 42. Eintrag auf meinem Blog. Nun bin ich mit dem aber noch nicht fertig und da er etwas länger ausfallen soll, schiebe ich nach einer langen Pause erstmal einen Eintrag dazwischen (Als Antwort auf einen öffentlichen Aufruf von: http://spinken.blog.de/). Das ist jetzt zwar dann der 42. aber stellen Sie sich bei dem nächsten Eintrag dann einfach vor, dieser Eintrag hier käme danach. Warum die 42 so wichtig ist, erkläre ich dann auch beim nächsten Mal. Bis dahin dürfen Sie schon einmal raten und die Wissenden unter Ihnen genießen und schweigen.

Es ist gerade eine sehr bewegte Zeit, in der es so viel zu beobachten, und als Freizeitblogger auch zu kommentieren, gibt, dass ich kaum weiß, womit ich anfangen soll. Ich denke, ich versuche mich an einer chronologischen Ordnung.
Wenn man sich das Weltgeschehen mit etwas Abstand anschaut, könnte man sagen, dass wir gerade in einer heißen Phase leben, in der die Lage sich schneller ändert, als einige merken oder auch reagieren können.

Zuerst verliert die Regierungskoalition ihren einzigen Hoffnungsträger. Jedenfalls wenn man der allgemeinen Meinung folgt, ist die Plagiatsaffäre des ehemaligen Dr. und immer noch Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg das Ende der deutschen Politik. Der größte Teil der Bevölkerung ist offensichtlich bereit, die Verfehlung ihres Lieblings zu vergessen, solange sie ihn weiter anhimmeln darf. Die Regierungskoalition hat, solang es eben ging, an ihm festgehalten und versucht, den Diebstahl geistigen Eigentums als Kavalliersdelikt abzutun. Spannend, wie schnell sich auch in diesem Punkt die Einstellung der Kanzlerin geändert hat, frei nach dem Motto eines ihrer CDU-Amtsvorgänger: "Was schert mich mein Geschwätz von gestern". Vor drei Jahren jedenfalls schlug sie zu diesem Thema noch ganz andere Töne an, ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Die Opposition, wie eh und je, versucht die ganze Misere für ihre eigenen Zwecke auszunutzen und der Regierung möglichst viele Vorwürfe zu machen. Die Medien freuen sich, wieder einmal eine Person öffentlichen Interesses fallen zu sehen/lassen. Ihre Rolle wurde am schärfsten kritisiert. Die Guttis werfen ihnen eine Hetzkampagne vor. Und auch Guttenberg selbst sieht sich gezwungen, auf die sterbenden Soldaten in Afghanistan hinzuweisen, die hinter seiner Strahlkraft verblassen. Wer jetzt bei Strahlkraft auf eine Überleitung zur nächsten Krise wartet, wird sich noch etwas gedulden müssen.

Meiner Auffassung nach ist der Freiherr jedenfalls gut bedient, seinen Posten zu räumen. Selbst wenn die Aberkennung seines Doktortitels keinen direkten Einfluss auf seine Ministerarbeit haben mag, so ist dieser Betrugsversuch doch ein Vertrauensbruch und lässt Zweifel an der charakterlichen Eignung zu Guttenbergs für die vertrauensvolle Aufgabe, die ein politisches Amt zweifellos darstellt, aufkommen. Und diese Zweifel darf man nicht mit einem Argument à la "Ich habe ihn nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt" abzuspeisen versuchen. Die treffendste Erwiderung, die ich dazu gehört habe, war, dass man dann auch die betrunkene Margot Käßmann behalten hätte können, schließlich war sie ja kein Chauffeur. Abgesehen von den strafrechtlichen Konsequenzen, die das Fälschen einer Doktorarbeit nach sich zieht, ist es richtig, dass jemand der sich dieses Deliktes schuldig macht, auch in den Medien mit härteren Bandagen angefasst werden darf. So lange es um die Sache selbst geht, versteht sich. Gerade dann, wenn dieser jemand zuvor die Medien zur Selbstinszenierung genutzt hat. Jemand, der hohe Werte zur Bewertung anderer anlegt, sich selbst aber davon ausgenommen zu haben scheint. So viel zu Guttenberg, erst einmal.

Doch Guttenberg war politisch noch nicht ganz zu Grabe getragen, da folgt die westliche Welt seinem Beispiel: Der arabische Frühling ist in vollem Gange. Und während man den Ägyptern noch die Daumen drücken darf, dass ihr friedlicher Protest für mehr Rechte und Demokratie nun Früchte trägt, sieht es in Libyen eher nach einer Wiederherstellung des alten Systems aus. Wer einen Gottesstaat fürchtet, der darf sich nicht zurücklehnen, wenn die libysche Bevölkerung um Hilfe schreit. Doch genau das tut die so hochgelobte westliche Welt. In Afghanistan und im Irak war der Demokratie-Export eine Selbstverständlichkeit, doch wenn ein Land um Unterstützung dafür bittet, ziehen sich die Europäer, Amerikaner und die UN zurück und verstecken sich hinter ihren Regelwerken. Das libysche Volk stirbt, weil ein mental bereits verstorbener Diktator seine Bürger zusammenschießen und bombardieren lässt, wenn sie Freiheit fordern. Und die westliche Welt? Schaut zu! Mehr als ein paar mikrige Appelle an einen offenkundig Wahnsinnigen bekommt sie nicht zustande. Wo sind sie, die volltönend geschwungenen Reden für Menschenrechte, für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit? Sie knicken ein in der kalten Realpolitik, wo steigende Flüchtlingszahlen und unsichere Ölimporte vor humanen Katastrophen rangieren. Uns fehlen die rechtlichen Grundlagen, um in Libyen zu intervenieren, doch woher nehmen wir dann das Recht, die arabische Welt für ihre zunehmend anti-westliche Einstellung zu kritisieren?

Und als wäre das noch nicht genug versinkt Japan im Chaos. Ein von Erdbeben und den daraufhin entstandenen Tsunamis gebeuteltes Land, sieht sich nun mit einer atomaren Katastrophe konfrontiert. Die Bilder, die durch die Medien gehen, schockieren. Die Reaktion der deutschen Politik, vor allem der Regierungsparteien, macht sprachlos. Aufgrund dessen, dass aus der "statistischen Größe" Restrisiko "bittere Erfahrung" geworden sei, hat man sich dazu durchgerungen, die Laufzeitverlängerung für drei Monate auszusetzen. Interessant, wenn das die erste "bittere Erfahrung" mit dem sogenannten Restrisiko der zivilen Nutzung der Atomkraft ist, was war dann Tschernobyl? Die Koalition scheint sich selbst noch nicht ganz sicher zu sein, denn die Lehren, die man aus der nun angestrengten Katastrophenanalyse Japans ziehen will, nebenbei bemerkt wieder einmal "ergebnisoffen", werden mit dem Verweis auf das Risiko eines Flugzeuganschlags auf unsere Kernkraftwerke gerechtfertigt. Jetzt stellt sich für einen Beobachter natürlich die Frage, wo der Zusammenhang zwischen einem Erdbeben und einem Flugzeuganschlag besteht. Aber diese Frage muss wohl zunächst einmal antwortoffen bleiben. Aus dem hilflosen Gestammel des Generalsekretärs der CDU gestern nach der Präsidiumssitzung war jedenfalls nicht zu entnehmen, was es damit auf sich haben mag.

Ebenfalls spannend ist an dieser Stelle, wie die Lage in Japan aus Verfechtern der Atomkraft plötzlich die schärfsten Kritiker macht. Herr Söder von der CSU, vormals Befürworter der Atomenergie, solange sich der Norden und nicht sein schönes Bayern mit dem dabei entstehenden Dreck rumschlagen darf, fordert rigoros die Sofortabschaltung. Mappus, noch Ministerpräsident von Baden-Würtemberg, bereits für sein feines Gespür für die Sorgen und Nöte seiner Bürger in Fragen der Bahnhofsgestaltung bekannt, stellt mit Überraschung fest, dass die Bevölkerung offensichtlich die von der Atomindustrie diktierte Laufzeitverlängerung nicht länger mitzutragen bereit ist. Auch er ist plötzlich für die Abschaltung. Wieso bedarf es eigentlich, frage ich mich da, immer erst einer Katastrophe, bis der Mensch im Allgemeinen begreift, dass er bis dahin blind auf einen Abgrund zugesteuert ist?
So wie sich die Sache für mich darstellt, ist es vollkommen unerheblich, ob es eine Erdbebenregion oder ein potentielles Ziel eines terroristischen Anschlags ist, für jedes Land ist Atomkraft im Zweifelsfalle, das zeigen Japan, Tschernobyl aber auch die vielen kleinen Krisen, die wir gar nicht so recht mitbekommen, weil sie nicht oder nur unzureichend publik gemacht werden, schlicht unkontrollierbar. Und selbst wenn unsere Kraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen störungsfrei liefen, was sie offensichtlich nicht tun, dann haben wir immer noch das Problem des Atommülls. Aber den produzieren wir munter weiter, ohne eine Lösung für seine Lagerung gefunden zu haben. Das erfordert entweder eine gehörige Portion Ignoranz oder aber Optimismus. Die Atomkraft auf dem aktuellen Stand gleicht einem Spiel mit dem Feuer, mit dem Unterschied allerdings, dass wir vom Feuer wissen, wie wir es löschen können.

Ich hoffe im Interesse der Menschheit und des Planeten auf dem wir leben, dass dem einen oder anderen die Augen nun endlich aufgehen, Katastrophen hatten wir in letzter Zeit wirklich genug.

Freitag, 14. Januar 2011

Neues Jahr, neues Glück

Ein neues Jahr beginnt und mit ihm die übliche Suche nach guten Vorsätzen. Falls man mal gefragt wird oder man sich selber mal fragt. Bei manchem ist die Suche schnell vorbei, bei manchem dauert sie länger. Die eine oder andere 5%-Hürde überspringen, sich im Job anstrengen, mehr Zeit mit der Familie verbringen, das Gewicht halten, und so weiter und so weiter. Für mich ist dieses Jahr ein ganz besonderes, denn nach glücklicherweise 13 Jahren endet meine Schullaufbahn (hoffentlich) mit einem anständigen Abitur. So verbindet sich also mit den Vorsätzen für's neue Jahr auch eine gewisse Konkretisierung der alten und neuen gewälzten Pläne für das weitere Leben. Was tun? Ein Studium, ja, das wird es wohl sein. Aber was?

Ich glaube, im Leben eines jeden Kindes kommt der Moment, da es sich für den Beruf des Tierarztes interessiert. Besonders Landeier, wie ich eines bin, sind wohl sehr anfällig dafür. Hat wohl irgendwas mit dem Umstand zu tun, dass wir früher als die Stadtkinder erfahren, dass Milch nicht aus der Tüte stammt, wenn Sie mir diesen Kalauer gestatten. Bei mir dauerte diese Phase jedoch nur kurz an. Obwohl ich Tiere sehr mochte und immer noch mag, war es mir nicht so ganz geheuer, sie behandeln zu müssen. Wie sollte ich schließlich herausfinden, was dem armen Tier fehlt, ich kann ja seine Sprache gar nicht. Und so entschied ich mich, nach einiger Lektüre, damals mit hohem Bildanteil, verschiedenen Filmen und noch mehr Spielzeugen, für die Laufbahn des Archäologen, genauer des Paläontologen. Leider stellte sich bald heraus, dass die Forschungsobjekte alle schon tot waren, so lebendig sie manchmal auch erschienen, und so war auch diese Idee bald wieder verworfen. So viel zu den sehr alten Plänen.

Bald darauf wurde ich eingeschult und ich erhielt Deutsch-Unterricht. Die Tragweite dieser Tatsache lässt sich wohl erst heute ermessen. Immerhin müssen Sie mit den Folgen leben. Nachdem die Grundlagen gelegt waren, ich erinnere mich gerade mal wieder an diese alten Linienhefte, die seitenweise mit ein und demselben Buchstaben gefüllt werden, fand ich schnell einen gewissen Gefallen daran, Nonsens zusammenzuschreiben. Und das hat sich wohl auch bis heute erhalten. Natürlich hatte ich auch andere Fächer, wie Sachkunde (Das ist das, was eine Schulform später WuK(Welt- und Umweltkunde) wurde und im Prinzip alles, was nicht Sprachen, Mathe, Musik und Kunst oder Religion und Sport war, zusammenfasste). Damals war alles einfacher. Eine Schulform später (Die mit WuK) hatte ich den besten Deutschlehrer meines jungen Lebens, der es wie kein anderer verstand, die Aufmerksamkeit der Klasse zu behalten und unsere Fantasie anzuregen. Sehr häufig bestand die Hausaufgabe nur aus einem einzigen Satz oder einem Bild und wir durften uns die Geschichte darum herum ausdenken. Auch rückblickend betrachtet, ist er einer der besten Deutschlehrer, deren Unterricht ich je genießen durfte. Ich glaube, er war es auch, der mich mit dem Sprachvirus infizierte. Plötzlich war mir die Sprache das liebste Spiel- und Werkzeug, gesprochen oder geschrieben machte dabei keinen Unterschied. Zu dieser Zeit war meine bevorzugte Antwort auf die fürchterlichste Frage, die Erwachsene einem stellen können („Na, was möchtest Du denn mal werden?“): „Autor...oder...irgendwasmittieren.“ Man sieht, von den recht konkreten Vorstellungen, die ich mal unsere Mitbewohner auf der Erde betreffend hatte, war damals nur noch ein kleiner Nachsatz übrig geblieben. Aber das Landleben prägt einen nunmal und deswegen war dieser Zusatz „oder irgendwasmittieren“ für mich mindestens ebenso wichtig wie die erste Möglichkeit.

Auch der Wechsel meiner bevorzugten Musik,so bilde ich mir zumindest ein, hatte einen Einfluss auf diese Entwicklung. Ich war mal PUR-Fan, wie und warum es dazu kam, weiß ich heute nicht mehr. Inzwischen ist die Musik anders geworden. Mehr mit langen Haaren und Schwermetallen. Aber ich bin froh, einen recht umfassenden Musikgeschmack entwickelt zu haben, bei dem es schneller geht, aufzuzählen, was ich nicht höre, als umgekehrt. Es war aber auf jeden Fall die Musik, die mich über eine Phase, in der ich gerade gar keine Zuneigung zum sonst so favorisierten Fach Deutsch verspürte, trotzdem irgendwie hinwegrettete. Dass es zu der Abneigung gekommen war, hatte auch und vor allem mit der zuständigen Lehrkraft zu tun. Die profilierte sich als die letzte Universalgelehrte und ist bis heute die einzige Person, die ich kenne, die es sogar nötig hatte, offen vor ihren Schülern anzugeben. Diese Turbulenz hielt glücklicherweise nur zwei Jahre an und danach war alles beim Alten. Naja fast, während ich früher auch mit Mathematik und Physik gut zurecht kam, verengte sich der Weg insofern, als das ich von diesen beiden Fächern zunehmend die Nase voll hatte. In dieser Zeit brachte mich ein guter Freund auf Künstler wie Bodo Wartke, Rainald Grebe oder Sebastian Krämer, damals wie heute höre ich ihnen gebannt bei ihrer Wortakrobatik zu. Und deswegen bin ich diesem Freund nach wie vor sehr dankbar. Ebenso wie ein zunehmender Konsum an politischem Kabarett, sind sie Schuld, dass sich die oben erwähnte Krankheit weiter manifestierte. Nebenbei entdeckte ich dabei auch meine Vorliebe für Gesellschaftswissenschaften wie Politik, Philosophie und Geschichte (Vielmehr sind es in der Schule ja auch nicht). Nicht zuletzt mein langjähriger Werte und Normen-Kurs ist schließlich dafür verantwortlich, dass es diesen Blog überhaupt gibt.

Die Antwort auf die schlimmste Frage, die jetzt auch noch immer häufiger gestellt wurde, hatte sich wieder einmal ein wenig geändert. Statt „Autor“ hieß es jetzt „Etwas im Bereich Printmedien“ und das „irgendwasmittieren“ entfiel vollkommen. Aber es drängte sich eine neue Alternative ins Blickfeld, die mir heute sogar wahrscheinlicher erscheint.
Obwohl ich neben besagtem außergewöhnlichen Deutschlehrer noch mit vielen anderen Paukern Glück hatte, gab es natürlich auch die Nieten, bei denen man sich fragt, ob sie einfach nur keine Ahnung haben, sie aufgrund ihrer eigenen Schulzeit bis in die nächste Generation nachtragend sind oder ob sie generell einfach Kinder hassen. Ich denke, ich darf mich durchaus als optimistischen Menschen bezeichnen, und mit dem Optimismus kommt meist auch eine etwas idealistische Weltsicht (oder umgekehrt?)... Wie auch immer, zum einen hatte und habe ich so viel Spaß am Lernen und Lehren( wenn auch im Moment eher noch an Ersterem), dass es fast schon einem drängenden Bedürfnis gleichkommt, anderen Leuten das auch zu vermitteln. Zum Anderen sollte man wenigstens versuchen, obigen Nieten das Leben ein wenig schwerer zu machen, finden Sie nicht auch?

Ich enthalte mich jetzt des Paragraphen, der sich in etwa mit den Worten „Für ein rohstoffarmes Land ist die Bildung seiner Kinder der wichtigste“ zusammenfassen lässt, weil er schon zu oft keine Konsequenzen nach sich gezogen hat oder sogar bewusst nur gedroschen wurde, um sich besser darzustellen. Ich denke mir an dieser Stelle lediglich, wenn Bildung tatsächlich unser wichtigster Rohstoff ist, dann stellen unsere Bergbaubeauftragten sich bei seiner Förderung, mit Verlaub, sehr dämlich an. Wer es zulässt, dass 16 Claims, um im Bild zu bleiben, abgesteckt werden, die jeder für sich vor sich hin buddeln, statt ein sinnvolles Monopol aufzubauen, der kann einen solchen Satz nicht ernst meinen. Wer es zulässt, dass sich die Claims dabei auch noch um die Bergarbeiter prügeln und eine Claimverwalterin einsetzt, die weder durch ihre Aufgabe, noch durch ihren Einsatz glänzt, ja selbst wenn sie wollte, keinen Einfluss auf die Arbeiten nehmen kann, der sollte schnellstens die Branche wechseln.

Tja und da man nunmal nicht vom Azubi zum Grubenlord aufsteigt, will ich mal kleiner anfangen und meinen Beitrag dazu leisten, dass es bald wieder heißen kann: „In Daisytown ham' sie Gold gefunden!!“, nur um im Bild zu bleiben.

Ich wünsche allen viel Erfolg und einen langen Atem für das neue Jahr und schließe mit den Worten Urban Priols: „Zumal wir mit der Gewissheit aufhören können: 2011 wird bestimmt wieder genauso bescheuert wie 2010. Machen wir das Beste d'raus. Danke schön.“

Samstag, 18. Dezember 2010

Ein Moment der Besinnlichkeit

Nein, trotz des Titels erwartet Sie hier kein neuerlicher Kirchensermon und auch kein als „Besinnlichkeit“ getarnter Weihnachtsstress, im Gegenteil glaube ich, ist es mir in all dem besinnlichen Wust des Dezembers gelungen, ein wenig zur Besinnung zu finden, den inneren Schweinehund für einen Moment beiseite zu legen und an seiner Stelle die Tastatur zu streicheln.
Es ist noch gar nicht so lang her, da konnte man hier einen kurzen Abriss zur Sprache finden, und weil ich in dem bereits oben erwähnten Wust es doch geschafft habe, ist mir wieder einmal aufgegangen, wie wichtig die Sprache für mich ist.

Gerade das gesprochene Wort verliert an Wert in unserer Gesellschaft, stellte ein von mir sehr geschätzter Kabarettist einmal fest. Grund genug für ihn und andere, sich dem entgegen zu stemmen. Und auch wenn ich nicht so vermessen sein will, mich in eine Reihe mit ihnen zu setzen, so will ich doch auch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass wir gerade in dieser so besinnlichen Zeit uns auf etwas so elementar Wichtiges und zugleich so Misshandeltes Kulturgut, wie es die deutsche Sprache darstellt, besinnen. Sprache ist etwas, das uns nicht nur anatomisch, sondern auch intellektuell von vielen anderen Lebewesen unterscheidet, weswegen es mich immer wieder auf's Neue wundert, wie manche Zeitgenossen mit ihr umgehen. Sprache eröffnet so viele Möglichkeiten, dass es schwierig sein dürfte, sie auch nur ansatzweise auszuloten. Als alltägliches Kommunikationsmittel, genauso wie als Kunstwerk hat sie ihre Qualitäten. Ob das Wort schneller als der Kopf ist, oder es sorgfältig auf der Zunge hin und her gerollt wird, bevor es an die frische Luft kommt, für alles kann man es verwenden. Ein wahres Multifunktionswerkzeug. Gerade für Leute, die wie ich jedes Mal mit erfürchtig offenstehenden Mündern vor anderen Leuten stehen, die in der Lage sind mit Bildern, Skulpturen oder sogar Musik auszudrücken, wofür unsereins die sprichwörtlichen tausend Worte braucht, ist Sprache die einzige Krücke, um nicht völlig abgehängt zu werden.

Aber was wäre die Leibnizsche Welt ohne Leute, die scheinbar ohne Sinn und Verstand an etwas wie die Sprache herangehen und sie, den eigenen Bedürfnissen entsprechend, verhunzen. Fluten von Anglizismen, Halbsätze voller Halbwahrheiten, der aussterbende Genitiv, andere Probleme mit „das Grammatik“, „brutalstmöglichst gesteigerter Superlativissimus“ (Bastian Sick), orthographische Elendsviertel und nicht zuletzt fehlende Kommata bzw. „Kommatas“, die besser gefehlt hätten. Nicht nur beim gesprochenen sondern auch vorm geschriebenen Wort, machen diese Wandalen keinen Halt. Sie sind normale Menschen wie du und ich, aber hüte dich, wenn sie den Mund aufmachen! Wie schön, dass es noch ein paar aufrechte Seelen gibt, die es noch verstehen, Wörter und Worte (nebenbei bemerkt, ein wirklich wunderbares Wortpaar) richtig anzufassen und einzelnen Wörtern oder ganzen Sätzen den Glanz wiederzugeben, den sie unter einer Patina von Alltagsspuren besitzen.

In der Tat ist es eigentlich falsch, von der „Sprache“ sprechen zu wollen, weil das zu sehr verallgemeinert, und das Konzept Sprache dabei doch nicht umfassend wiederzugeben vermag. Hier zeigt sich, dass Latein für den Sprachästheten warscheinlich die bessere Wahl darstellt. Als „tote Sprache“ kann man sie ungestört „genießen“, zumindest diejenigen können das, die trotz Lateinunterricht diese Sprache zu schätzen wissen. Es ist so grotesk, wie mit dem Schmetterlingsenthusiasten, der diese Wesen so sehr bewundert, dass er sie auf einen Nagel gespießt in Schaukästen aufstellt. Doch die deutsche Sprache ist glücklicherweise bisher jedem Schmetterlingsfänger entgangen und schillert deshalb frei herum. Sie verändert sich mit jeder neuen Generation von Sprechern und das ist gut so. Prinzipiell. Trotzdem erscheint es mir sinnvoll, beim Umgang mit dem Sprachschmetterling etwas mehr Vorsicht walten zu lassen. Der Schaukasten ist keine Lösung, doch ein Schmetterling mit geknickten Flügeln ist auch kein glückliches Wesen. Deshalb sollte man, gerade wenn man schreibt, sich sicher sein, dass das was man schreibt, so, wie es da steht, richtig ist. Denn im Gegensatz zum gesprochenen Wort muss vielleicht das geschriebene noch von jemandem gelesen werden.

Dem, dem das in diesen besinnlichen Zeiten zu besinnlich war, aber auch demjenigen, dem es gefallen hat, wünsche ich frohe Weihnachten und einen heilen Rutsch ins neue Jahr!

Freitag, 5. November 2010

Wie kann man nur?

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht ändern und es gibt Dinge, die scheinen sich ohne jedes Zutun positiv zu entwickeln. In die zweite Kategorie dürften die aktuellen Proteste gegen Stuttgart21 und Atomkraftwerke fallen. Die Reaktion der Politik wohl eher in die Erste. Für mich, der sich für einen politisch denkenden Menschen hält, ist es jedenfalls eine Wohltat, dass es offensichtlich noch Themen gibt, für die Leute auf die Straße gehen. Endlich gibt es Beweise dafür, dass die viel beschworene Demokratieverdrossenheit nicht existiert. Im Gegenteil: So präsent war der Namensgeber unseres politischen Systems schon lange nicht mehr. Es ist aber auch schwer möglich den Ereignissen zu folgen und nicht das unbezwingbare Bedürfnis zu verspüren, "denen da oben" zu zeigen, dass man nicht mit ihrer Entscheidung einverstanden ist.

Wie kann die schwarz-gelbe Koalition hartnäckig an ihrem Atom... nennen wir es "Paket", festhalten, unbeirrt von des Volkes Meinung? Wie kann sie vor allem aber die Meinung derer, die sich mit dem Thema Atomkraft auskennen, ignorieren oder sie gar mundtot machen? Wenn man hört, liest und sieht, welche Bedenken allerorts angemeldet werden, wie kann man dann die Dickfälligkeit besitzen, in diesem Punkt dumm und zugleich beratungsresistent zu sein? Wie kann man so mit der Zukunft spielen? Wie kann man sich dann wundern, wenn tausende von Menschen auf die Straße gehen. Wie kann man ein Thema wie Atomkraft so leichtfertig behandeln? Wie kann man offensichtlich materiellen Überlegungen den Vorzug geben? Wie kann man sich hinstellen und sagen, wir nutzen Atomkraft als "Brückentechnologie" und über die Lösung der Lagerfrage kümmern wir uns später? Wie kann man zwei Lager bauen, die jetzt tickende Zeitbomben sind und denen noch eine weitere hinzufügen wollen?
Wie kann man überhaupt darauf kommen, einen Stoff zu nutzen, dessen Gefährlichkeit mit nichts zu vergleichen ist, was wir sonst noch kennen, von dem bekannt ist, dass er über Jahrmillionen eine Gefahr darstellen wird und von dem wir ebenfalls wissen, dass seine Nutzung Abfall produziert, der eben diese Eigenschaften auch besitzt?
Wie kann man nur?

Mittwoch, 22. September 2010

Gewalt ist keine Lösung

Jetzt ist es doch passiert. Ich hatte schon darauf gehofft, übersehen worden zu sein, eine Akte, die in irgendeinem Schrank verstaubt. Nein, inzwischen werden wohl auch die ins Computerzeitalter eingestiegen sein. Obwohl, was so ein echter Amtsschimmel ist... Wie auch immer, ein Bekannter hat mir neulich gesagt: "Die vergessen keinen." So wie es aussieht, hat er wohl Recht gehabt. Seit einiger Zeit schlummert in einem meiner Aktenordner der Bescheid zur Musterung meines zuständigen Kreiswehrersatzamtes. Der Name allein sagt schon alles. "An der Front haben wir alles verheizt, wir brauchen Ersatz." Und wieder zeigt sich, dass unser lieber Staat Einiges vor sich hat, um sich den Zeiten anzupassen.

Ausgerechnet der geölte Blitz der CSU, ein Politiker, den ich bisher nur als Mann wahrgenommen habe, der gesagt hat, er könne verstehen, wenn die Soldaten in Afghanistan von Krieg sprächen und der sich dazu durchringen konnte, von "kriegsähnlichen Zuständen" zu sprechen und dafür auch noch bejubelt wurde.
Ganz zu schweigen von einigen Fotos seiner Person, vorzugsweise an der "Afghanischen Front"(Darf man das sagen oder ist das schon Kriegsvokabular?), die mich fatal an Werbeplakate für den nächsten Kinofilm oder gar an die Porträts alter Aristokraten auf einem Feldzug erninnerten. Allem Anschein nach verpflichtet Adel tatsächlich, zumindest was die Selbstdarstellung betrifft. Zu Gute muss man unserem Verteidigungsminister zu Guttenberg jedoch halten, dass er etwas ins Gespräch gebracht hat, das überaus wichtig ist. Nicht nur, weil es seit der Wiederbewaffnung der BRD 1954 Generationen junger Männer beschäftigt, sondern tatsächlich eine grundlegende Frage ist. Quo vadis, Bundeswehr?

Die Wehrpflicht ist ein Relikt der drohenden Gefahr, der Kalte Krieg könnte in Europa heiß werden. Sie ist ein Fossil der Zeit, als sich die Konfrontationslinie des Ost- und des Westblocks durch Deutschland zog und Bürger einer Nation zu Feinden machte. Diese Zeit ist glücklicherweise überwunden, was bleibt ist der Wurmfortsatz, der uns heranwachsende Männer vor die Wahl stellt: Töten lernen oder alten Leuten den Hintern abwischen. Abgesehen davon, dass eine der beiden Tätigkeiten tatsächlich sinnvoll und ethisch vollkommen vertretbar ist, kostet diese Wahl eine Menge Zeit. Von zwischenzeitlich 18 bis zum aktuellen Stand von 6 Monaten.
Heute leben wir, ebenfalls glücklicherweise, in einer Union, die neben Vorschriften zum Krummheitsgrad von Bananen vor allem eines geschaffen hat und zwar Frieden. Die Gefahr eines Krieges zwischen den europäischen Staaten, bis einschließlich des Zweiten Weltkrieges eine ständige Bedrohung, die ein ums andere Mal bittere Realität geworden ist, ist so weit entfernt wie nie. Im Gegenteil, Bündnisse garantieren einen internationalen Beistand im Falle einer militärischen Bedrohung von außen. Die Bundeswehr könnte also vom strategischen Standpunkt durchaus darauf verzichten, sich eine stille Reserve von Rekruten heranzuziehen. Diese Reserve würde ihre Zeit vielleicht lieber für eine Ausbildung oder ein Studium aufwenden, statt für den Morgenappell.

Ein Argument, dass häufig für die Wehrpflicht ins Feld geführt wird (schon wieder Militärvokabular)ist, dass durch sie die Verbindung zwischen Bevölkerung und Armee aufrecht erhalten werde. Verbindung zwischen Bevölkerung und Armee? Wieso muss ich schießen lernen, um die Verbindung zur Armee aufrecht zu erhalten? Und ganz abgesehen davon: Will ich überhaupt mit einem Verein verbunden sein, der das schmutzigste Handwerk der Menschheit ausführt, teilweise absolut barbarische Aufnahmerituale pflegt und mich dazu ausbildet, das Grundrecht eines jeden Menschen, nämlich das auf Leben mit Füßen zu treten? Die Antwort darauf muss wohl jeder für sich selbst finden, ich jedoch weiß, dass ich das nicht will. Die Wehrpflicht zwingt mich trotzdem dazu, mich von irgendwelchen Leuten auf Herz und Nieren und diverse andere Organe, die man in der Öffentlichkeit nicht zur Schau zu stellen bereit ist,und meine "psychische" Eignung untersuchen zu lassen. Sie könnten mich auch einfach fragen, ob ich mich damit einverstanden erkläre, das kärgliche Bisschen an moralischen Grundsätzen, die sich die Menschheit zwischen den Kriegen erarbeitet hat aufgeben und stattdessen wieder in die Steinzeit gehen will, in der das Motto "Und willst Du mein Freund nicht sein, so schlag' ich Dir den Schädel ein" noch nahezu alternativlos* war.

Heute haben wir, wieder einmal glücklicherweise, Einiges mehr, was uns zu tun übrig bleibt, wenn wir mit jemandem nicht einig werden, statt ihn über den Haufen zu schießen. Wie sollte man es schließlich anders bezeichnen, als als Glück, dass uns das überhaupt gelungen ist, wo unsere Geschichtsschreibung so voller kriegerischer Auseinandersetzungen ist, dass die Geschichte häufig mit Hilfe der Daten von Kriegen, statt mit der zwischen ihnen liegenden Friedenszeit, charakterisiert wird? Krieg ist eine Konstante des menschlichen Lebens gewesen seit der Mensch auf die Idee gekommen ist, seinen angespitzten Stein nicht ins nächste Reh, sondern in seinen Nebenmann zu stoßen.
Vom "Jäger und Sammler"-Image haben wir uns erfolgreich gelöst, warum nicht auch vom Krieg? Die Alternativen sind mannigfaltig. Wir können inzwischen recht gut sprechen, haben Kunst und Wissenschaft auf ein erkleckliches Maß vorangebracht. Wobei gerade die Wissenschaft leider auch dazu geführt hat, das wir vom spitzen Stein ausgehend auch ein erschreckend großes Maß an Mordwerkzeugen dazu bekommen haben. Einige mit einem solchen Zerstörungspotential, das genauere Reflektion über sie eigentlich zwangsläufig dazu führen sollte, von ihnen Abstand zu nehmen, so sollte man meinen.

Trotzdem hat jeder Staat, der etwas auf sich hält, Militär und ist bereit es einzusetzen, sollten die anderen Mittel schon ausgeschöpft sein oder auch nicht. Ein Mann, der vermutlich etwas davon verstanden hat, hat einmal gesagt, Krieg sei die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln. Bedauerlicherweise trifft das ziemlich genau das Verständnis von Krieg, das sich die überwiegende Mehrheit der Menschen in verantwortungsvollen Positionen zu eigen gemacht zu haben scheint. Hinzu kommt, dass die nicht nur Krieg als sowohl legales als auch legititmes Mittel ansehen, sondern auch ein ganzer Wirtschaftszweig es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, die Selbstzerstörungstriebe des Menschen mit, ja wortwörtlich, mit Munition zu versorgen. Ein anderer kluger Mann, der es sogar zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gebracht hat, sprach in diesem Zusammenhang vom "military-industrial-complex". Damit trifft auch er ziemlich genau die Realität. Nicht von ungefähr kommt es, dass bis heute Stimmen laut sind, wonach große Teile der afghanischen und irakischen Offensive der USA von Firmen ausgestattet wurden, die zufällig genau den Männern gehörten, die sie beschlossen haben.

Aber wenn es uns gelänge, dass sich weder junge Männer, noch in zunehmendem Maße auch Frauen, dazu verdingten, Handlanger dieser Leute zu werden, dann würde das Phänomen Krieg beinah ebenso schnell verschwinden. Krieg lässt sich nur mit Soldaten führen, es mögen weniger geworden sein, dennoch braucht es neben den technischen auch menschliche Tötungsmaschinen. Selbst wenn ihre einzige Aufgabe darin besteht, auf einen roten Knopf zu drücken. Wenn es erreicht würde, dass das Verständnis in allen Menschen reifte, dass Krieg kein Spiel, keine mathematische, noch wissenschaftliche, noch rationale, geschweige denn zu rechtfertigende Operation ist, dann hätten wir es geschafft. Leider hat dieses Verständnis die breite Masse in der Vergangenheit immer erst dann erreicht, wenn schon alles zu spät war.
Gewalt ist keine Lösung, dieser Spruch ist keine abgedroschene Formel, sondern ein Grundsatz, für den es sich zu streiten lohnt, gewaltfrei versteht sich.

*Am Rande: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Regierung in letzter Zeit beeindruckend viele "alternativlose" Gesetzesentwürfe und Reformen auf den Weg gebracht hat?

Freitag, 17. September 2010

Sterne

Leuchten
Mich an
So wundervoll, meinen
Blick ich kaum wenden
Kann.

Mittwoch, 1. September 2010

Da waren wir auch schon mal weiter...

Seit einigen Tagen nun geistert ein neues Gespenst durch die Medien, das doch eigentlich ganz alt ist. Und eigentlich war man davon ausgegangen, dass es überwunden sei. Doch wie so oft beliebt es der Welt, uns eines Besseren zu belehren. Und dann auch noch aus einer Richtung, aus der zumindest ich nicht damit gerechnet hätte. Stellt sich eigentlich nur noch eine Frage: Warum?

Schon der Titel des Buches ist provokant. Und das Gefühl nimmt noch zu, wenn man erfährt, mit welchen Thesen die neue Veröffentlichung des Bundesbankvorstands- und SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin gefüllt ist. Deutschland sei auf dem Weg zu verdummen. Das ist zunächst mal nichts Neues, diese Empfindung beschleicht einen jedesmal, wenn man das Fernsehprogramm einiger Sender studiert oder sich manche Mitmenschen anschaut. Die Ursache, die Sarrazin ausfindig gemacht haben will, ist jedoch neu: Es liegt an den Migranten, genauer vor allem an den Muslimen und noch genauer an deren Genen und Glauben. Die seien weniger intelligent, weil sie von den Gastarbeitern des Wirtschaftswunders abstammen und diese hätten leider nur geringe Intelligenz. Die Intelligenz ist für Sarrazin von den Genen determiniert und damit vererbar und das "Muslim-Gen" hindere nun unsere Mitbürger daran, so viel zu leisten, wie das andere könnten. Damit nicht genug, ihre Religion sei weit aus weniger integrierfreudig als andere.

Sofern sich der von Sarrazin beschriebene Verdummungsprozess noch nicht auch auf einen selbst ausgeweitet hat, so fällt einem sehr schnell ein, dass es da eine Büchse gibt. Eine tief eingemottete Büchse, an der besonders wir Deutschen ungern rühren und zwar aus gutem Grund. Ihr Inhalt stinkt. Noch immer versuchen wir verzweifelt, ihre Ausdünstungen in den Griff zu bekommen, in denen wir uns bis vor etwa 65 Jahren bewegten. Die theoretische Grundlage ist allerdings noch älter, stammt aus der Jahrhundertwende zwischen 19. und 20. Jahrhundert.

Natürlich gibt es auch heute noch Verfechter solcher Gedanken, aber die werden glücklicherweise heute vom Verfassungsschutz beobachtet. Und ausgerechnet ein SPD-Mitglied öffnet nun dieselbe Büchse. Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen.
Schaut man aber in die Laufbahn dieses Mannes hinein, so lässt sich feststellen, dass er schon so manches Mal eigentlich inakzeptable Äußerungen von sich gegeben hat. Beginnend mit abfälligen Bemerkungen über den Kleidungsstil der Bewohner einer Stadt, für die er zu dieser Zeit Finanz-Senator war, und sich steigernd über einen Ernährungsplan für HartzIV-Empfänger bei einem Tagessatz von 4,50 Euro, hin zu seinen Thesen zu Migranten in Deutschland entwickelt hat. Ein Armutszeugnis. Wer so etwas von sich gibt, der muss damit rechnen, abgestempelt und zumindest in die Nähe von Sozialdarwinisten und anderen pseudowissenschaftlichen Bewegungen gestellt zu werden, die verschiedene Klassen von Menschen postulieren.

Dass Migranten zusätzliche Probleme in Sachen Bildung haben, mag sein und dass Deutschland verdummt, ist Fakt. Das jedoch auf minderwertige Genetik und Religion zu schieben, ist grundlegend falsch. Vielmehr ist die Politik dafür verantwortlich. Diese Entwicklung ist nicht erst seit gestern bekannt und anstatt sich Gedanken, vernünftige Gedanken, darüber zu machen, wie man dieses Problem angeht, halten wir daran fest, uns 16 verschiedene Bildungssysteme zu leisten und verstricken uns in Grabenkämpfen, ob 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur und ob dreigliedriges Schulsystem oder Gesamtschulen das Richtige sind.

Wer dagegen an will, dass "das Land der Dichter und Denker" zusehends degeneriert, der sollte dafür sorgen, dass seine Bevölkerung annähernd gleiche Chancen auf und bei Bildung hat. Die Genetik zu bemühen, ist bequem, weil sie uns aus der Verantwortung nimmt, etwas zu ändern. Genetik sorgt dafür, dass man sagen kann: Wir würden ja gern, aber die Gene, die können wir nicht verändern. Und das ist falsch. Ein Begriff wie Intelligenz, der bis heute schon definitionstechnisch umstritten ist, der sollte nicht als gegeben hingenommen werden. Selbst, wenn sich eines Tages herausstellen sollte, dass "Intelligenz" von Genen festgelegt ist, und die neuesten Erkenntnisse deuten eher in die andere Richtung, dann hätten wir doch trotzdem die Pflicht, alles daran zu setzen, jeden der willig ist, zu bilden. Außerdem sollte man daran gehen den Müll, der uns jeden Tag um die Ohren gehauen wird, dorthin zu befördern, wo er hingehört, nämlich in die Tonne. Zweifellos landet auch Sarrazins Machwerk irgendwann dort. Wenn wir uns wieder einigermaßen beruhigt haben. Und dort ist es auch besser aufgehoben als in einer Büchse, in der ersteren wühlt nämlich niemand freiwillig herum.

Was Sarrazin jedenfalls zweifelsfrei bewiesen hat, ist, dass unsere Republik noch nicht so weit von der Büchse entfernt ist, wie sie es gern wäre. Der Medienrummel und die zögerlichen Versuche, Sarrazin seines Amtes zu entheben oder ihn aus seiner Partei zu werfen, untermauern das.