Donnerstag, 14. Januar 2010

Eine kleine Theoriensammlung

Und hier die Aussichten: In der nächsten Zeit wird es vor allem heiter bis schwachsinnig, mancher Orts kann es aber auch zu Wahnsinn kommen.

Dass das Busfahren an sich sowohl schön als auch grausam sein kann, wurde bereits an anderer Stelle erwähnt, was aber passiert, wenn der alltägliche, einen ständig umgebende Busfahrtwahnsinn übergreift, davon soll hier die Rede sein.

Theorie Nr. 1: "Das Bildungssystem öffentlicher Verkehrsmittel"; am 12.01.2010, 15:43
In unserem Gremium* ist anlässlich einer Beobachtung, die während der Vorbeifahrt an einem Bahnhof gemacht wurde, folgender Beschluss gefasst worden:
Öffentliche Verkehrsmittel besitzen großes Potential als öffentliche Bildungsstätte.
Der Unterricht erfolgte dabei wie folgt:
An jeder ersten Haltestelle einer Strecke steigen neben den Passagieren Lehrkräfte ein, die jene während der Fahrt in ihrem jeweiligen Fachgebiet unterrichten. Bei den unverschämt teuren Preisen für Bahntickets ließe sich mit Sicherheit Geld zur Finanzierung abzweigen. So können noch kurz vor Erreichung des eigentlichen Ziels Qualifikationen erworben werden, die dort benötigt werden. Für die Einteilung ist ja bereits hinreichend gesorgt, abteilweise könnte sich hier für jeden Geschmack der richtige Lehrgang finden lassen. Vor allem die Kompetenz zur Konzentration und zur informativen Wiedergabe des Erlernten würde aufgrund der zusteigenden Passagiere gefördert.

Theorie Nr. 2: "Das Zertreten-Theorem"; Datum und Uhrzeit nicht klar rekonstruierbar
Im Zuge der Diskussion um ein möglichst überzeugendes Argument der Würdezuweisung für Mensch und Tier, hat sich unser Gremium* zu folgendem Entschluss durchgerungen:
Die Würde sowohl von Mensch als auch Tier lässt sich am sogenannten "Zertretenpotential" erkennen. Das Zertretenpotential ist eine Messgröße, die im Vergleich zwischen zwei Spezies Anwendung findet. Ist bspw. Spezies A in der Lage Spezies B zu zertreten, so ist es in der Würdeskala höher anzusiedeln, es ist damit der so genannte "Zertretoar". Ist Spezies A nicht in der Lage dazu, Spezies B aber sehr wohl befähigt A zu zertreten, ist dementsprechend B höher angesiedelt. Damit ist aber auch klar, kann A B nicht zertreten, B aber auch nicht A, so sind sie darauf angewiesen eine weitere Vergleichsspezies zu finden. A und B sind so lange auf ein Niveau zu setzen, dieser Zustand ist als "Unzertretable" definiert.
Ungeklärt ist bisher, wie solche Lebewesen, die nicht in der Lage sind die Bewegung des "Zertretens" auszuführen, zu bewerten sind, offensichtlich scheint jedoch, dass bei einem Gegenüber, dessen Zertretenpotential nicht eindeutig geklärt ist, stets Vorsicht geboten ist, falls dieses sich doch in der Rolle des "Zertretoars" befindet.

Theorie Nr. 3: "Das EBS - oder des Bildungssystems öffentlicher Verkehrsmittel zweiter Teil"; 13.01.2010, 7:52
In Hinblick auf den Bildungsnotstand in unserem Land hat unser Gremium* folgenden Beschluss für notwendig befunden:
Neben den Bahnen werden nun auch Busse zur Fortbildung der Fahrgäste genutzt. Dabei wird eine Einteilung in zwei Bereiche vorgenommen, wir nennen sie hier der Einfachheit halber "vorn" und "hinten". Im "Vorn" wird der Unterricht stattfinden, bei dem der Busfahrer zugleich die Rolle der Lehrkraft einnimmt. Dies mag zunächst gewagt klingen, besticht aber bei genauerer Betrachtung durch seine Vorzüge. Die Lehrkraft oder der Busfahrer im Folgenden "Driving Teacher" genannt, hat in seiner exponierten Position vor allem Überblick über die Sitzreihen des "Vorn", sein Arbeitsplatz hat zudem viele Hilfsmittel der Lehrtätigkeit bereits installiert. Dazu gehören, um nur einige zu nennen, der integrierte Lautsprecher, der es dem Driving Teacher ermöglicht, überall verständlich zu sein und sich nötigenfalls auch den ihm gebührenden Respekt zu verschaffen, ohne sich die Stimmbänder zu ruinieren. Die bisher als "Sonnenschutz" missverstandene Stoffbahn an der Frontscheibe ließe sich als Projektionsfläche nutzen, der Rückspiegel, der bisher nur Übersicht über den Verkehr gewährt ist auch dazu geeignet, um die Schülerschaft im Blick zu behalten und die Situation des "Jetzt, wo er mir den Rücken zuwendet, kann ich ja was Anderes machen" lässt sich so ausschalten.
Im EBS (dem EducatingBusSystem) bietet sich die Chance für einen Neuanfang, bei dem strenge Zulassungsprüfungen einen durchweg qualifizierten Lehrkörper garantieren. Dem gegenüber stünde der mit Nieten durchsetzte Lehrkörper der gewöhnlichen Lehranstalten, was uns auch eine gute Ausgangsposition im Wettbewerb sicherte. Der Beruf des Busfahrers gewinnt darüber hinaus an Attraktivität, was eine zusätzliche Qualitätssteigerung zur Folge hat. Umschulungen motivierter Lehrkräfte gewöhnlicher Lehranstalten, könnten die Erfahrung der Etablierten für das Projekt sichern. Damit wird der allerorts zunehmende Lehrerverdruss der Schüler erstickt und durch Motivation und Freude ersetzt.
Im "Hinten" wird dann für die nicht zu belehrenden seichte Unterhaltung geboten, was einen noch störungsfreieren Unterricht ermöglicht.

*Die Zusammensetzung wird aus offensichtlichen Gründen nicht genannt

Freitag, 8. Januar 2010

Hörenswert

Ich bin kein Hip-Hop-Fan, aber das gefällt mir und zwar nicht nur, weil ich ihn persöhnlich kenne, sondern weil er gute Musik macht.
Also sage ich Ihnen: Wenn Sie "Wortlos" verpasst haben, dann ist hier Ihre Chance.
Wenn Sie bereits "Wortlos" gehört haben, dann wissen Sie ja, was Sie zu verpassen drohen.

Endlich ist es da:
Notas' neues Album "Teufelsjunge", runterladen und hören!


http://www.myspace.com/notasmusic

Montag, 7. Dezember 2009

Weihnachtsstimmung


"Von drauß vom Walde komm' ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!"*1

"Oh nein, nicht schon wieder! Geh bloß weg!"


Manch einer möchte das wohl dem lieben Ruprecht entgegenschleudern, wenn er sich mal wieder seit Ende September überall mit Weihnachtsdekoration und Christ-Stollen konfrontiert sieht.

Coca Colas Weihnachtsmann prostet einem zu und erschrickt kleine Kinder im Supermarkt mit einem sich selbstständig machenden weißen Rauschebart oder einer Alkoholfahne.
Wer will denn heute noch aus christlicher Überzeugung Weihnachten feiern? Kaum einer.
Nicht umsonst ist vom "Weihnachtsgeschäft" die Rede, in das der Einzelhandel jedes Jahr große Hoffnungen setzt. Man sitzt da und schaut ungläubig zu, wie sich die ganze Welt ins Getümmel stürzt, die ganz Harten auch noch am 24. Dezember, um das Weihnachtsgeschenk zu ergattern, das hinterher eh keiner haben wollte ("Schon wieder eine Krawatte?"). Streit um die "Heimdeko" kommt noch hinzu, denn "früher war mehr Lametta"*2, aber dieses Jahr muss es nun mal ein grüner und natürlicher Baum sein. Die Beleuchtung in, am und ums Haus verbraucht einen Haufen Strom und damit Geld. Der Dachboden wird einmal mehr geplündert und man beginnt sich zu fragen, warum man den ganzen kitschigen Mist überhaupt aufgehoben hat. Und dann fällt es einem wieder ein: Für die ganze bucklige Verwandschaft, die man jedes Jahr wieder zu ertragen gezwungen ist und ihr dabei zuschauen kann, wie sie einem die letzten Haare vom Kopf frisst.
Als wäre das Alles noch nicht schlimm genug, ist die Floskel "weiße Weihnacht" in der heutigen Zeit weiter von der Realität entfernt als je zuvor. Außerdem, mal ehrlich, wer will schon Schnee in der Bude haben, egal zu welcher Jahreszeit?
Während die Erwachsenen im Stress sind, müssen auch die armen Kinder darunter leiden: Auch wenn es langsam nachlässt, war es doch früher gang und gäbe, dass die Kinder, die ohnehin vor Anspannung und Erwartung, dessen, was ihnen am Heiligen Abend harrte, gespannt waren wie ein Flitzebogen, auch noch Gedichte auswendig lernen mussten! Dazu noch Geheimniskrämerei der Eltern und Großeltern. Wenn es etwas Positives an Weihnachten gibt, dann die Verzückung der Kinder beim Anblick der Geschenke. Wohlgemerkt die Verzückung, nicht die Geschenke! Nicht zu vergessen, dieses verdammte Himmel-Hölle-Prinzip: Entweder Du warst das ganze Jahr artig, dann gibt's Geschenke, oder Du warst es nicht, dann gehst Du leer aus...und dann immer wieder die verblüffte Freude, dass der Weihnachtsmann, der immer verdächtig nach Onkel Klaus mit falschem Bart und echtem Bierbauch aussieht, ein so schlechtes Gedächtnis hat...

Ich wünsche allen, denen es etwas bedeutet, natürlich trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen (Denn irgendwie braucht und schätzt man das alles ja doch), eine schöne Weihnachtszeit und ein hoffentlich besinnliches Fest im Kreise der Liebsten.



*1Theodor Storm: Knecht Ruprecht.
*2 Loriot: Weihnachten bei Hoppenstedts.

Freitag, 13. November 2009

Another fucking Medienereignis

Da ist es wieder, davor haben uns die Kritiker immer gewarnt. Der Untergang des Abendlandes respektive der ganzen Welt sind seine Medien.

Ein Sportler bringt sich um und uns und der Medienwelt fällt nichts Besseres ein, als das Ganze zu vermarkten. Alle Sender reihen sich in die Exklusivberichterstattung ein, was für ein Quatsch. Jeder will ein Stück vom Trauerkuchen abhaben. Plötzlich kennen alle Leute Enke, wussten schon immer oder hätten nie gedacht, dass... Die ganze Welt trauert um Enke, tatsächlich? Überall Enke, man kommt nicht an ihm vorbei, erstaunlich, als Lebender hat er nie so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Die Zuschauer starren gebannt, wenn eine völlig aufgelöste Ehefrau ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit ausbreitet, über Probleme, Sorgen und Ängste spricht. Die einen wollen irgendwie Anteilnahme signalisieren und den anderen wird es einfach zu viel.

Was erreichen wir denn, wenn wir Aasgeiern gleich über den Trümmern eines Lebens kreisen, gierig nach jedem Fetzen lechzen, der sich irgendwo zeigt? Ehren wir das Vermächtnis Enkes, den Menschen Enke, wenn seine Frau und jede geringste ihrer Bewegungen 500-fach fotographiert wird? Nein. Alle Medien überschlagen sich, um uns auch noch den letzten Rest Enkes Lebens präsentieren zu können. Ist er denn wichtiger, als jedes andere Suizidalopfer?

Und das Publikum konsumiert reflektionslos dieses wie alles andere auch. Und nach zwei Wochen ziehen Fotographen und Kamerateams wieder ab, zurück bleibt eine zerstörte Familie und der Dreck, der bei solchem Rummel immer anfällt. Die Betroffenheitsbekundungen und all die anderen Lippenbekenntnisse werden weniger und der Alltag gewinnt wieder an Boden.

Wer profitiert davon? Derjenige, der es den Menschen verkauft hat. Und die waren wenigstens für eine gewisse Zeit vom eigenen Elend abgelenkt, weil man sich freuen konnte, dass man nicht selbst von so etwas betroffen ist. Davon wird mir schlecht.

Freitag, 6. November 2009

Wer wird denn gleich wettern

Der Herbst ist mir eine der liebsten Jahreszeiten, zumindest wenn es dunkel ist und regnet oder hell und sonnig. Dass ich diese Meinung nicht mit Vielen teile, ist wahrscheinlich, aber da ich auch noch Geburtstag in dieser Zeit habe, habe ich mir vorgenommen, sie mal ein bisschen in Schutz zu nehmen.

Wetter im Allgemeinen und das Herbstwetter im Besonderen ist sowieso eine seltsame Sache. Wenn tatsächlich jemand wie Petrus das Wetter von oben regelt, ist er eine ziemlich arme Sau. Die Menschen und, zumindest gefühlt, besonders die Deutschen haben zu ihrem Wetterpatron ein schwieriges Verhältnis. Dass Bauern sehr häufig jaulen und noch häufiger über das Wetter, lässt sich schon beinahe mit Sicherheit sagen. Aber auch der Otto-Normal-Deutsche beschwert sich mit Vorliebe über das, was uns witterungstechnisch geboten wird. Ist es sonnig und trocken, schimpft er über die Klima-Erwärmung und schwärmt für eine kühle Brise und einen schönen Landregen. Geht dagegen eine kleine Brise und es regnet, ist ein Hundewetter oder Sauwetter, weswegen ich mich immer wieder frage, was diese bedauernswerten Tiere eigentlich verbrochen haben, dass sie für derlei Verunglimpfungen der Tätigkeit Petri herhalten müssen. Ich finde, es gibt kein Wetter, bei dem es nicht eine entsprechend schöne Beschäftigung gäbe, um das Ganze zu nutzen.

Sonne ist gut und das besonders, wenn man ein Eis oder einen Badesee in der Nähe oder ein gutes Buch zur Hand hat. Regen kann ein schönes Wetter sein, wenn man weiß, dass man ihm nicht ausgeliefert sein muss, darum sollte man sich, bevor man sich an solch Nebensächlichkeiten stört, vergegenwärtigen, was jemand ertragen muss, der die Möglichkeit nicht hat, sich ihm zu entziehen. Knackige Kälte ist herrlich, wenn man einen Spaziergang durch die Stille macht, die vollkommen scheint, vorzugsweise mit einer weißen Decke über allem. Außerdem kann eine Busfahrt durchs Dunkel richtig beruhigend sein und gewinnt noch, wenn im Scheinwerferlicht des entgegenkommenden Fahrzeugs Regentropfen an der eigenen Scheibe und in der erleuchteten Dunkelheit glitzern. Erst neulich auf dem Heimweg hatte ich das Vergnügen nach einem langen Tag meine Gedanken treiben zu lassen, Nichts störte. Das Unwichtige trennte sich vom Wichtigen und trieb mit dem Wasser davon, geradezu meditativ war die Atmosphäre.

Wer sich über einen solchen Moment der Ruhe beschwert, hat ihn noch nicht erlebt oder weiß ihn einfach nicht zu würdigen. Und wenn dann in der neuen Helligkeit bunte Blätter den Gehweg schmücken, kann es gar nichts Besseres geben. Die Einzigen, die dann vielleicht ein Recht auf ein wenig Nörgelei haben, sind diejenigen, deren Existenz auch vom richtigen Wetter zur richtigen Zeit abhängt.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Philosophie, oder was?

"Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Zwei Bücher sind eine Bibliothek!"
- Jochen Malmsheimer, "Flieg Fisch, lies und gesunde...oder - Glück wo ist dein Stachel?"

Ein Stuhl ist ein Stuhl, zumindest der Begrifflichkeit nach. Jetzt hat aber Joseph Kosuth, amerikanischer Künstler aus dem Bereich "Concept Art", "One and three chairs" ausgestellt: ein Foto eines Stuhls, einen Stuhl und die Lexikondefinition eines Stuhls. Und an dieser Stelle zeigt sich, dass Sprache
1. ein auf Vereinbarung beruhendes,
2. ein eigentlich unpräzises Mittel ist, um anderen Leuten zu erklären, was man denkt.
Der Stuhl ist schließlich nur "Stuhl", weil sich irgendwann einmal jemand dachte, die Buchstaben "S", "t", "u","h" und "l" seien doch wunderbar geeignet, um das "komische Ding da vorne" zu beschreiben. Schon die Schriftzeichen sind ja auch nichts Anderes als eine Definitions- und Vereinbarungssache. Und wenn ich von einem Stuhl spreche, heißt das noch nicht automatisch, dass Sie dann genau den Stuhl vor dem geistigen Auge haben, den ich zu beschreiben suche. Selbst wenn ich genauer werde und Farbe, Form oder Größe beschreibe wird der Stuhl nicht derselbe sein. Was ist denn "nussbraun"? oder wie groß ist eigentlich "ungefähr so hoch"? Sind alle Klappstühle der Welt gleich? Nein. Also widersprechen wir Platon, der davon ausging, dass es eine Idee gibt, die allen Abbildern in der Welt vorausgeht und von denen jeder Kenntnis hat.

Ganze 90 Minuten dauerte die Disskussion, in der das Dilemma eines dem Englischen nicht mächtigen Betrachters, der vor dem Lexikoneintrag im Besonderen und dem Kunstwerk insgesamt steht, zur Sprache kam genauso wie die zwei Mongolen, die ihr ganzes Leben ohne einen Stuhl ausgekommen sind, praktisch wie sprachlich. Jetzt werden die Ärmsten zu uns geschleift, der eine bekommt das Foto des Stuhls und der andere die mongolische Übersetzung des Lexikoneintrags. Wer könnte wohl "beim IKEA" anschließend mehr Stühle als solche identifizieren? Wittgenstein hatte wohl einen weiteren sehr hellen Moment, als er den Ausspruch "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" prägte. Darüber sind wir uns einig, wir das ist eine Ansammlung von denen, die sich um ein wenig mehr philosopische Erkenntnis bemühen. Da aber liegt das Problem. Während die einen behaupten, es sei wichtig, die vorangegangenen Sitzungen und das Vorwissen, das uns zur Verfügung stand, zu haben, um zu den Schlüssen zu kommen, die wir gesammelt haben, also Philosophie zu haben, meint der andere Teil, auch wenn sich die Ergebnisse wohl durchaus ein wenig unterscheiden mögen, so wäre es jedoch jedem möglich auf ähnliche Gedanken zu kommen. Schließlich sei Philosophie nichts anderes als "konzentriertes Nachdenken".

Und wieder war es die Zeit, die uns vor dem Abschluss dieser Frage unterbrochen hat. Bis zum nächsten Mal läuft der Feldversuch "Stuhl", zeige das Bild des Kunstwerks verschiedenen Leuten und finde heraus, wie ihre Gedanken dazu aussehen.

Freitag, 18. September 2009

Die Vergänglichkeit

Anti-Aging und Lifting, Outfit und Glamour, ein Hoch auf die neue Oberflächlichkeit!
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Alter und Alterung in ihrer Thematik so tabu sind, wie sie es als Worte sind. Niemand spricht über sie, wie könnten wir auch, jetzt da alles schneller, besser, flexibler und leistungsfähiger sein muss? Dies so scheint es, trauen die meisten nur der Jugend zu. Welch Paradoxon, wenn man sich vor Augen führt, dass unsere Bevölkerungspyramide und die anderer Länder ebenfalls sich umkehrt. Die Japaner machen es schon richtig: Die Unternehmen haben die Klientel der Senioren erkannt, sie haben ihre eigenen Läden sogar Stadtviertel, in denen bevorzugt alte Menschen nach Herzenlust shoppen gehen können. Eine kleine Bemerkung am Rande: Falls Sie es nicht bemerkten, ich verwendete eben das Adjektiv "alt" im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen, die die Steigerung des Adjektivs, also "älter", in sinnwidersprechender Weise verwenden.

Was ist das, das man so vehement gegen die Alterung ankämpft, obwohl sie natürlicher Bestandteil des Lebens ist? Ist es die Aussicht auf Vereinsamung, Missachtung der Mitmenschen, Pflegebedürftigkeit, Schauergeschichten über die Zustände in Altersheimen? Oder ist es tatsächlich nur dem überall offenkundigen Jugendwahn geschuldet, der in unserer Gesellschaft grassiert? In Japan werden mittlerweile Arbeitsvermittlungen speziell für die Altersgruppe 60 aufwärts gegründet, dort beraten und vermitteln Senioren Senioren an Unternehmen, die Arbeitskräfte suchen. Dort gilt man als faul, wenn man sich nach der, für uns, "normalen" Arbeitszeit in die Rente begibt und die Gesellschaft für einen aufkommen lässt.

Aber die Modezeitschriften bei uns fördern diesen Trend, der nach ewiger Jugend lechzt, schließlich will jeder "trendy" und "in" sein. Was für die einen nur Kopfschütteln bringt, ist für die anderen Heilige Schrift. Es wird nicht einmal kritisiert, wenn eine Modezeitschrift verspricht, einen vierzigjährigen Altersunterschied mit Hilfe eines "ANTI-AGING-OUTFITS" vertuschen zu können, wobei dieser Begriff, sofern man ihn so nennen will, dieses Monstrum von einem Neologismus, schon rein visuell eine Zumutung ist. Nicht einmal die Gleichsetzung von Aussehen und allgemeinem Befinden sorgt für Protest.

In solchen Zeiten hat es die häufig beschworene "Schönheit von innen" schwer, sich gegen unter Tonnen von Make-up versteckten, zum Schönheitsideal stilisierten, bulimie-gefährdeten Elendsgestalten durchzusetzen. Wer in der Gesellschaft nicht ignoriert oder sogar ausgelacht werden will, muss sich dem Götzen Mode unterwerfen, der uns alle hinter einer Fassade versteckt, die man aufrecht erhalten muss, um von allen akzeptiert zu werden. Und als wäre das noch nicht genug, schämen sich die Prophetenblätter dieser Gottheit nicht, nachdem sie einem zunächst all die überlebensnotwendigen Tipps zum "perfekten Styling" verkauft haben, auch gleich den "Check" zum Durchschauen der Kulisse aufzuschwatzen, mit dem man angeblich die wahre Persönlichkeit hinter dem "Look" erkennen kann.

Einmal mehr ein Widerspruch: Erst suggerieren sie einem die Notwendigkeit zur Schaffung eines Scheins, dann soll man ihn durchschauen. Ist das vielleicht die Erkenntnis, das dort ein alter, tiefverwurzelter Wunsch nach Wahrhaftigkeit und inneren Werten verzweifelt um Hilfe schreit? Wollen sie diesen auch noch vermarkten? Welch eine Ironie, dass bei all der Reizüberflutung und dem schönen Schein, die Leute letzendlich sich doch nach etwas Wahrem sehnen, von dem auch das beste "Outfit" nur einen Anschein vermitteln kann. Das ist vielleicht der einzige, bittere Triumph, den die Innere über die Äußere noch erlangt. Oder es ist das erste Zeichen, dass es irgendwann die Erkenntnis, das Schein nur Schein und nicht Wirklichkeit ist, geben wird. Dann wird man die Modezeitschriften an ihrem rechtmäßigen Platz lagern, wo sie auch jetzt schon landen, wenn nach wenigen Wochen der Trend sich verändert hat: Im Müll. Und man wird sich hüten, diese ohne Handschuhe anzufassen.

Bei einem meiner Youtube-Streifzüge stieß ich vor Kurzem auf einen netten doch nachdenklichen Kurzfilm, der sehr gut zu dieser Thematik passt: http://www.youtube.com/watch?v=prUhIZCUajs&feature=channel_page

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche trotzdem ein "schönes" Wochenende!