Montag, 12. Juli 2010

Verstandeslos

Dieses "Gedicht" ereilt mich sozusagen zeitversetzt zu einem Thema, mit dem ein Freund und ich uns mehrere Wochen beschäftigen durften. Diese Phase liegt nun ebenfalls mehrere Wochen zurück, vielleicht sollte ich sagen glücklicherweise, wer weiß, wie schlimm es geworden wäre, wenn nicht eine gewisse Distanz Einzug gehalten hätte.

Folgender Satz sei aber hier noch vorausgeschickt:
Die Gedanken sind's,
Nicht der Reim,
Die hier sollten wichtig sein.
Mit anderen Worten:
Ohren zu und durch!

Ein grüner Frosch sitzt an seinem Teich,
Mit einem Blick umher,
Sieht er die Libelle hier,
Und denkt sich noch:
"Die schnapp' ich mir"
Kamen Viele und sprachen jedoch:
"Nein, an dieser Stelle "denken" ist nicht helle!
Schließlich ist der Frosch nur ein Amphibien-Tier,
Doch beginnt zu menscheln er nun plötzlich hier!"
Na und?
Was wäre denn schließlich daran Falsches,
Wenn die Libelle nach dessen Denkung
Und nicht nach dessen Triebeslenkung
Runterglitt die dunkle Bahn des Halses?

P.S.: Den Tapferen, welche sich nicht durch die Ansammlung von Knittelreimen davon abhalten ließen, bis zum Ende zu lesen: Sehen Sie es positiv, es ist doch ein schönes Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, oder?

Samstag, 19. Juni 2010

Sprache

Ein kurzer Gedankengang zur Sprache (mehr oder minder).

Ein kluger Mann mit Namen Samuel Johnson hat mal gesagt, Sprache sei die Kleidung der Gedanken. Sprache ist die wichtigste kulturelle Errungenschaft des Menschen, weil sie uns endlich dazu gebracht hat, zumindest einige von uns, Konflikte und Missverständnisse nicht mit der Keule zu lösen. Darüber hinaus ist sie in mündlicher, später sogar schriftlicher Form das Werkzeug, das es uns ermöglicht, Wissen zu übertragen und zu vervielfältigen, sodass wir theoretisch nicht dazu verdammt sind, immer wieder dieselben Fehler, die bereits andere machten, zu wiederholen. Die Sprache macht Kommunikation umfangreicher und lässt uns Abstraktes ausdrücken oder Konkretes soweit abstrahieren, dass wir es auch anderen verständlich machen können.

Was ihr vorausgeht ist das Denken, das in ihr wiederum den Weg aus dem Kopf heraus gefunden hat. Der Mensch allerdings scheint manchmal das Sprechen noch vor das Denken zu stellen, so etwas wird gemeinhin als Politiker bezeichnet. Weit schwerwiegender ist jedoch der Irrtum, die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten als die Grenzen seiner geistigen Umtriebe anzuerkennen.

Dienstag, 18. Mai 2010

Die Freiheit der Sonnenbrille

Dass sehr viele Menschen eine Sonnenbrille tragen, noch mehr eine haben, und fast alle eine haben möchten, ist nichts Neues. Dass eine Sonnenbrille allerdings die Antwort auf ein philosophisches Problem sein kann, das bereits Immanuel Kant gewälzt hat, wissen die Wenigsten.

Philosophie-Kurs, Dienstag, 9:35:
Unser Kurs sitzt, wieder einmal, über der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Eines der bekanntesten Werke Kants, die es in sich hat, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Kant konstruiert seine Gedankengänge in solchen Satzungetümen, die heute, leider, nur noch von den wenigsten Lesern durchdrungen werden. Das hat zur Folge, dass wir die deutsche Ausgabe seiner philosopischen Abhandlung übersetzen müssen, als hätte Immanuel Kant diese in Alt-Latein verfasst. In dieser beinah frustrierenden Atmosphäre gelingt es, trotzdem Lichtblicke zu erhaschen. Für die einen ist das die Hoffnung auf die eine oder andere Erkenntnis, für die anderen die Aussicht darauf, dass auch dieses Übel vorübergehen wird.

Heute versuchen wir das Prinzip von Heteronomie und Autonomie nach Kant nachzuvollziehen. Nach einigem Bemühen gelingt es uns sogar, aus den kantischen Gebilden mehrere Grundsätze herauszufiltern. So ist Autonomie für Kant die Fähigkeit, nach Gesetzen zu handeln, die mit Hilfe des kategorischen Imperativs zu bilden sind. Der hat verkürzt auch Eingang in unseren Alltag gefunden: "Was Du nicht willst, das man Dir tu', das füg' auch keinem ander'n zu". Kant selbst lehnt diese Formulierung ab, was, wenn man sich eine Weile mit seinen Gedanken beschäftigt, einleuchtet. Er bevorzugt eher folgenden Satz: "Handle stets nach derjenigen Maxime, von der Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde". Wer Zeit und Lust hat kann sich mit diesen Formulierungen genauer beschäftigen, sollte aber auch das entsprechende Durchhaltevermögen mitbringen.

Zurück zum eigentlichen Thema: Wer also mit einem gewissen Sprachgefühl und etwaiigen Lateinkenntnissen hinter Autonomie so etwas wie "Selbstbestimmung" vermutet hat, liegt nicht unbedingt verkehrt. Trotzdem weitet sich bei Kant dieser Begriff eben auf das "allgemeine Gesetz" aus, was bedeutet, dass es allgemein gültig, also unabhängig von subjektiven Gelüsten und Zielen sein muss. Dies wiederum ist nämlich Heteronomie, sozusagen die "Fremdbestimmung". Damit meint Kant solche Fälle in denen der Mensch handelt, nicht nach dem kategorischen Imperativ, sondern von einem "Objekt" bestimmt. Wer also etwas tut, weil er damit ein bestimmtes Ziel verfolgt, ist heteronom. Wer nicht lügt, weil er seine Ehre nicht verlieren will, der ist heteronom. Wer aber nicht lügt, egal ob es nun seiner Ehre schadete oder nicht, der ist autonom.

Kant stellt aber in diesem Zusammenhang noch eine weitere These auf. Autonom kann nämlich nur der sein, der vernunftbegabt und nicht von einer "Naturnotwendigkeit" bestimmt, also frei ist. Vernunftlose Wesen sind so Kant immer von einer oder mehreren "Naturnotwendingkeiten", seien dies Naturgesetze oder von der Natur gegebene Instinkte, abhängig und somit heteronom. Das Beispiel hierzu stammt aus unserem Kurs-Gespräch:
Ein Löwe legt sich unter einen Baum, wenn die Sonne am Mittag zu heiß scheint. Der Löwe tut dies, weil er Flüssigkeit und Energie sparen muss. Wir Menschen als vernunftbegabte Wesen dagegen können uns eine Sonnenbrille aufsetzen und uns in die Sonne legen.

Heimweg, Dienstag, 13:35:
Mit solcherlei Gedanken im Hinterkopf weiß ich es 4 Stunden später erst so richtig zu würdigen, meine Sonnenbrille aufsetzen zu können, und radle nach Hause.

Freitag, 7. Mai 2010

Agnostizismus

Vor Kurzem hatte ich ein sehr merkwürdiges Erlebnis, das mich bis heute beschäftigt.


Als ich vor einigen Wochen mit dem Fahrrad fuhr, kam ich an einen Bahnübergang, die Schranken waren geschlossen. Ich stieg also von meinem Drahtesel und wartete. Eine ältere Dame, ebenfalls auf dem Fahrrad, kam und stellte sich neben mich. Sie drehte sich zu mir und meinte: "Es ist ja doch etwas kühler heute." Ich antwortete nur mit einem kurzen Nicken. "Ich habe mir heute Handschuhe anziehen müssen, Sie scheinen da ja etwas abgehärteter zu sein.", bemerkte sie mit einem Blick auf meine blanken Hände. "Es geht noch.", erwiderte ich. "Naja, ich habe heute ja schon gebetet, dass es wenigstens nicht regnet.", offensichtlich war ihr nach ein wenig Smalltalk zumute. Ich sah sie an und sagte: "Das wäre ja immerhin schon was, wenn es trocken bliebe."
Ich wandte mich wieder meinem Fahrrad zu. Umso kälter erwischte mich ihre nächste Frage:"Glauben Sie eigentlich an Gott?" Ich wandte mich ihr wieder zu und überlegte kurz:
"Ja, ich denke schon, dass es so etwas wie ein höheres Wesen gibt. Aber nicht unbedingt so, wie es beispielsweise das Christentum sieht." Sie schien ebenfalls kurz zu überlegen: "Ja, so habe ich auch 47 Jahre gelebt und dann habe ich mir gedacht, dass es so nicht weiter gehen kann. Man kann sich eben nicht aus allem das heraussuchen, was einem gefällt." Sie sah irgendwo in die Ferne, blickte wieder mich an: "Und nun bin ich in der Kirche, weil ich glaube, Gott ist nicht nur ein höheres Wesen, sondern auch hier bei uns und er liebt uns." "Wissen Sie, wenn ich so sehe, was gerade wieder über die Kirche in der Zeitung steht, dann bin ich mir sicher, dass das Christentum nicht unbedingt mein Weg ist.", versetzte ich. "Ja.", ihr Blick schweifte wieder ab. Und bevor Sie etwas erwidern konnte, gingen die Schranken hoch. Ich begann in die Pedale zu treten und hörte noch, wie sie mir ein "Gott segne Sie!" hinterherrief.

"Glauben Sie an Gott?" was für eine seltsame Frage für ein 5-Minuten Bahnübergangsgespräch. Eine Frage, die mich dazu brachte, wieder einmal über dieses Thema nachzudenken.

Als Grundschüler war ich im evangelischen Religionsunterricht, ich war aber nie richtig Christ, zumindest habe ich mich nie so gefühlt. Meine Eltern haben mir nie irgendwelche Vorschriften darüber gemacht, was ich zu glauben habe. Dementsprechend freigeistig habe ich mich mit dem Thema Glauben beschäftigt. Irgendwann habe ich mir dann überlegt, dass das Christentum mir nicht zusagt. Spätestens als ich von Dingen, wie den "heiligen" Kreuzzügen und der "heiligen" Inquisition, erfuhr, war ich mir dessen sicher. Ein Gott der es zulässt, dass seine Gläubigen in seinem Namen solche Taten ausführen, mit dem will ich nichts zu tun haben. Später, als ich vom zweiten Weltkrieg und Atombomben wusste, stellte sich mir die Frage, ob es überhaupt einen guten Gott geben kann. Solche Dinge konnten mit Sicherheit nicht von einem allgütigen Wesen, dass den Menschen als seine Lieblingskreation sieht, verantwortet worden sein.

Meine Besuche in Gotteshäusern hielten sich deswegen auch eher in Grenzen. Als ich in die Orientierungsstufe kam, hatte ich, da diese nicht länger auf dem Land lag, auch Kontakt zu anderen Nationalitäten. Ich freundete mich unter anderem auch mit einem Jungen an, dessen Vater Pakistani und Muslim war. Bei einem meiner Besuche luden sie mich ein, am Gebet teilzunehmen. Wir richteten also die Gebetsteppiche nach Mekka aus und ich folgte dem Beispiel der beiden. Es war eine interessante Erfahrung, deren Wert mir eigentlich erst im Nachhinein klar geworden ist.

Doch auch der Islam, dessen "Boshaftigkeit" durch alle Medien propagiert wurde, mir ist noch ein schöner Auftritt des Kabarettisten Hagen Rether diesbezüglich in Erinnerung, hat mich nicht überzeugt. Gerade beim Islam habe ich mir aber auch Gedanken darüber gemacht, dass er keine schlechtere Religion als andere darstellt. Im Gegenteil: Fundamentalismus und Fanatismus ist in beinah jedem Glauben eine Randerscheinung. Der Islam wird vor allem so sehr verteufelt, weil wir so wenig über ihn wissen und weil er so schön in mancher Leute Feindbild passt. Nichtsdestotrotz bin ich auch der Überzeugung, dass beispielsweise , nach allem, was mir darüber zu Ohren gekommen ist, die traditionelle Rolle der Frau im Islam ein Unding ist.

Der Aspekt des Fundamentalismus hielt mich auch vom Judentum und vom Hinduismus ab. Die einzige Glaubensgemeinschaft, von der ich noch nicht gehört habe, dass sie für ihren Glauben tötet, ist der Buddhismus. Religionszugehörigkeit ist für mich generell aber kein Argument für oder gegen eine Person. Suspekt wird mir jemand erst, wenn er so sehr von seinem Plan überzeugt ist, dass er bereit ist, dafür zu töten. Leute, die angeblich genau wissen, was gut für einen selbst ist, sind in meinen Augen äußerst fragwürdig.

Was bleibt also? Atheismus? Das war mir dann doch auch nicht recht. Eine vollkommen wissenschaftliche Welt ohne die beschützende Hand, oder wenigstens eine, die den Anstoß für alles andere gab, ist mir zu kalt. Mir, wie vielen Menschen, ist es wohl lieber, sich der Hoffnung einer personifizierten Antwort auf die Frage "Warum?" hinzugeben, und sei sie noch so trügerisch.

Vorerst kam ich somit zu dem Schluss, dass Religion eine Trost und Hoffnung spendende Sache sein kann, dass aus ihr heraus aber auch einige der blutigsten Konflikte entstanden sind, wobei diese leider nicht, wie die Kreuzzüge, der Vergangenheit angehören. Des Weiteren gibt es meiner Meinung nach keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und der Vorstellung eines "Schöpfers", sondern eher eine Verschiebung der Grenzen. Der Mensch ist auf seinem Weg auf das Feuer gestoßen, je weiter er das Feuer schürt, desto weiter erhellt es seine Umgebung. Trotzdem gibt es immer einen Teil, der außerhalb des Feuerscheins liegt. Dieser mag kleiner werden, aber er bietet genug Platz für die Phantasien des Menschen, wenn er sie wünscht. Und so lange es diesen Raum gibt, ist es meiner Meinung nach gut, wenn man ihn mit einer tröstenden Hoffnung füllt. Hass und Krieg gibt es schon in der Helligkeit genug.

Samstag, 10. April 2010

Ein Moment des Staunens

Er saß am Schreibtisch und war in ein seltsames Phänomen versunken. Obwohl er nie anders als durch seine Augen sah, gelegentlich unter Zuhilfenahme einer Brille, sah er sich nun über die eigene Schulter, so klar als ob er direkt hinter sich stünde. Sah er von hinten so aus? Sah es so aus, wenn er angestrengt nachdachte? Und wer dachte das gerade, wenn er sich doch von diesen Gedanken so entfernt fühlte, als wären sie die eines Fremden? Und wo war er gerade, wenn er sich gerade selbst beim Denken zuhörte? Kann sich der Geist vom Rest lösen? Und was bleibt dann noch übrig?
Jedenfalls war es ein sehr merkwürdiges Gefühl...befreiend, aber irgendwie auch ein bisschen befremdlich.

Freitag, 2. April 2010

Lesen? Lesen!! Lesen!!!

Ferien sind etwas Herrliches:
Zwei Wochen lang Freizeit, die erstmal nur mir gehören. Endlich nach dem eigenen Tages-Nacht-Rhythmus leben! Freunde treffen, Musik hören, gute Filme schauen und...jawoll Bücher lesen! Ja, irgendwann sollte man dann vielleicht noch Zeit für etwaiige Vorbereitungen bezüglich der nach den Ferien liegenden Zeit treffen, aber das hat ja, haha, Zeit.

Das erste Buch ist schnell gefunden, aufgeschlagen und verschlungen. Ich hatte es ja auch schon vor den Ferien angefangen. Dann das Nächste, mit einiger Verzögerung,(um es Homo fabersch zu sagen) weil Treffen mit Freunden über mehrere Tage. Danach geht es weiter. Und wieder einmal stehe ich vor der Qual der Wahl. Entweder ich lese weiter und erfahre, wie es weitergeht, oder ich lese nicht, mit dem guten Gewissen, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

Es ist schon ein Kreuz mit Büchern, gerade in den Ferien, wenn mein Bücherkonsum dermaßen ansteigt, dass kein Druckwerk vor mir sicher ist. Eben noch freue ich mich auf die kommenden 767 Seiten, da merke ich mit Schrecken, dass ich bereits auf Seite 596 bin. Es ist dieses der Sucht ähnelnde "Komm nur eins noch!". Tja, und ehe man sich versieht sind aus dem einen Kapitel jede Menge geworden. Natürlich werden die verbleibenden 171 Seiten noch mehr als ein Kapitel umfassen, aber wenn einen erst mal wieder die Leserage gepackt hat, ist es schwer aufzuhören.

Ja, ich habe es dann doch durchgelesen, komisch, danach fühlt man sich immer ein bisschen geknickt. Eben noch im siebten Bücherhimmel, weil die Geschichte in vollem Gange ist und dann starrt man ungläubig auf die nächste, diesmal weiße Seite und will nicht wahrhaben, dass es schon vorbei sein soll. Was nun? Meistens helfe ich mir damit, gleich das nächste Buch anzufangen, was dann immerhin dazu führt, dass man den Bücherentzug nicht zu lange spürt. Es ist schon seltsam wie sehr Bücher einem suchterzeugenden Stoff ähneln. Und dabei vollkommen ohne Nebenwirkungen! Naja fast jedenfalls. Nahrungsaufnahme und andere lästige Nebensächlichkeiten, wie Schlaf, etc. können auch mal warten. Nur noch ein Kapitel, dann kann ich ja das Licht ausmachen. Was, so spät schon? Seltsam eben war es doch erst, ja okay, auch schon spät. Ach was, schließlich sind ja Ferien! Ich kann ja morgen ausschlafen...

Nach zwei Wochen sind die Nebenwirkungen dann doch unübersehbar. Die Vorbereitungen, denen ich, weil ich ja wusste, dass ich zwei Wochen Zeit für sie haben würde, immer noch schnell ein Kapitel vorgeschoben habe, muss ich nun in den letzten Stunden erledigen. Vor allem die spätnächtlichen Lesetouren, so schön sie auch immer sind, fordern aber ihren Tribut und so brauche ich meist die erste Woche nach den Ferien, um auszuschlafen und wieder einen, etwaiigen Verpflichtungen angemesseneren Tag-Nacht-Rhythmus einzuüben. Aber macht ja nichts, die nächsten Ferien kommen bestimmt!

Montag, 15. März 2010

Ein turbulentes Wochenende

Wie manch anderer aus unserer Mitte war auch ich dem Irrglauben aufgesessen, mein Immunsystem wäre unbezwingbar. Doch am letzten Wochenende wurde ich auf eindrucksvolle Weise eines Besseren belehrt.

Es begann an einem Freitag wie jeder andere, nein, das stimmt so nicht, er war nicht wie jeder andere Freitag, das ist nebenbei bemerkt ja sowieso nur eine Formulierung für solche Personen, die nicht in der Lage sind ihre Augen weit genug zu öffnen, um das Besondere eines Freitages zu erkennen.
Nun wie auch immer, die Welt machte es mir an diesem Freitag einfach, den prägenden Unterschied zu allen anderen Freitagen meines Lebens zu finden. Ja, natürlich, haha, war das Datum im Gegensatz zu allen anderen Freitagen ein anderes, viel wichtiger war jedoch die Tatsache, dass ich hier meine zweite Klausur in diesem Semester in einem Leistungskurs schreiben musste. Deutsch, im Prinzip kein Problem. Die Probleme begannen erst etwa eine Stunde später.

Mathe-Grundkurs...ja, ich weiß. Aber das war noch nicht Alles. Zu diesem Übel kam noch der Umstand hinzu, dass dies die letzte Stunde vor der Klausur war. Und auch das war noch nicht das Schlimmste. Das war das Gefühl, das irgendein böser Kobold hartnäckig versuchte, meinen Kopf mit einem sehr großen Hammer in seine Einzelteile zu zerlegen.
Die ohnehin angeschlagene Konzentrationsfähigkeit, und ich hatte ehrlich versucht, diese aufzubringen, war dahin. Nach quälenden 90 Minuten endete auch diese Phase und ich durfte mich auf die Heimfahrt machen.

Dort angekommen verschwendete ich keine Zeit und verzog mich in das Einzige, das nicht bedrohlich vor meinen Augen schwankte:
Mein Bett. Nach mehreren Stunden Schlaf würde dieser unliebsame Zwischenfall sicher ein Ende gefunden haben. Es war bestimmt nur ein Stau an euphorischen Botenstoffen, die meinem Gehirn alle gleichzeitig Bescheid sagen wollten, dass sowohl eine wichtige Klausur, mit einem guten Gefühl abgegeben, hinter- und ein ganzes Wochenende vor mir lag. Nach einem recht angenehmen Schlaf versuchte ich, aus dem Bett zu kommen. Allerdings schien der böse Kobold darauf gewartet zu haben, um mir einen weiteren "RUMMS" Schlag mit seinem Hammer verpassen zu können. Ich sank zurück und dachte darüber nach, wieso der Stau der Botenstoffe sich nicht inzwischen hatte auflösen können. Klar, trockene Fahrbahn, Botenstoffe kleben fest, zwei Gläser Wasser sollten das Problem beheben können. Und dann nichts wie ran an den Stoff für die nächste anstehende Klausur, Politik-LK am Montag.

Nachdem der Kobold irgendwie seinen Hammer verloren hatte, stattdessen nur noch mit einem Gürtel, den er ein wenig zu eng um meinen Kopf geschnallt zu haben schien, bewaffnet war, ging ich also ans Werk. Doch die Konzentration blieb aus. Nachdem ich zum dritten Mal den ersten Absatz über den UNO-Einsatz in Darfur gelesen hatte, gab ich auf. Ich verbrachte den Rest des frühen Abends mit Verwünschungen über den vermaledeiten Kobold, der augenscheinlich seinen Hammer wiedergefunden hatte. Um mich ein wenig von dessen Treiben abzulenken, beschloss ich Fernsehen zu schauen. Und da zeigte sich geradezu prophetisch auf Tele5 "Tim Burton's The Corpse Bride", ein Film, der ohne meine Voraussetzungen als grandios kongruent in Gehalt und Gestalt ( ;) ) und eine echte Leistung beurteilt werden hätte müssen, in Anbetracht meines Zustandes jedoch schon einen gewissen Galgenhumor erforderte. Nichtsdestotrotz ein gelungener Film, den ich mir gern angeschaut habe.

Das der Film schon um 21:45 enden sollte, überraschte mich zunächst, war mir aber dann doch recht, weil der böse Kobold seine Freunde eingeladen zu haben schien. Ich wechselte zitternd von meinem Platz unter der Decke auf dem Sofa an den anderen Platz unter der Decke in meinem Bett. Die Nacht bestand aus Momenten eisiger Kälte, in denen mich irgendein anderer Kobold ins Eisfach gesteckt zu haben schien, und glühender Hitze, in denen ein weiterer Kobold seinem Freund die Vorzüge eines Dampfkochtopfes vorzuführen beschlossen hatte. Das Gefühl des völligen Ausgedörrtseins musste einem zusätzlichen Kobold große Freude bereiten, denn auch dieses plagte mich mehrmals.

Am nächsten Morgen raffte ich mich zu einem Brötchen auf, um schleunigst wieder ins Bett zu verschwinden. Der nun folgende Schlaf war wieder von meinem ersten Peiniger begleitet, oder er war nie weg nur hinter seinen anderen Freunden verborgen? In kurzen wachen Momenten las ich, was für die Politikklausur von Belang hätte sein können. Ich stellte nun fest, dass der erste Kobold auch auf meine Augen eindrosch, die sich nun immer häufiger weigerten, offen zu bleiben. Der Dampfkochtopf erfreute sich währenddessen wachsender Beliebtheit. Am Abend war immer noch kein Appetit in Sicht und so schlief ich einfach bis zum nächsten Morgen durch.

Am Sonntagmorgen hatte ich endlich einen Weg aus dem Topf gefunden. Auch war mir auf einmal aufgegangen, dass ich an diesem Tag einen Freund hatte treffen wollen, mit dem ich Vorkehrungen für die herannahende Matheklausur treffen wollte. Ich musste mich entscheiden, abzusagen, interesannterweise erhielt ich in dem Moment, da ich ihn anrief, von ihm den Hinweis, das er gerade mich hatte anrufen wollen, um dasselbe in die Wege zu leiten. So verbrachte ich den Tag mit weiterem Politikstudium, bis mich die Idee befiel, ein wenig noch zu entspannen, um die Kobolde, die anderweitig beschäftigt schienen, nicht wieder auf mich aufmerksam zu machen. Besonders der mit dem Hammer sollte bloß wegbleiben. So kam es und meine einsetzende Genesung wurde von "WALL-E" unterstützt, den ich endlich, nach Jahren des bloßen "Höhrensagens" selbst sehen konnte. Ein Erlebnis.

Inzwischen glaube ich, bin ich sowohl von all den fiesen Kobolden, wobei mir einer wohl noch im Halse steckt, als auch von der Fieberwahnvorstellung, unkrankbar zu sein, genesen. Ich wünsche allen in diesem Sinne eine gute Besserung!